Moskau, im Juni

Die schwarze SIL-Limousine gleitet über den Roten Platz, taucht unter dem Spaskij-Turm an der Kreml-Mauer hindurch und schwenkt vor dem Regierungsgebäude ein. Sanfter Stopp, heraus steigt der Parteichef. Die Kamera verfolgt seinen Weg in das Sitzungszimmer des Politbüros, er wird zackig gegrüßt von der Kreml-Garde.

Das sind die ersten Szenen aus einem Film über Jurij Andropow, der in Moskau vor erlesenem Publikum Premiere feierte. Seine früheren Berater, hohe KGB-Leute und Moskaus Kulturschickeria waren ebenso in den kleinen Saal des Kinotheaters Oktjabr am Kalinin-Prospekt gekommen wie Sohn Igor, der die Sowjetunion in Griechenland als Botschafter vertritt. Was auf der Leinwand zu sehen war, verdient für sowjetische Verhältnisse die Bezeichnung "sensationell".

Zum 70. Geburtstag des im vergangenen Februar verstorbenen Parteichefs wurde kein Verschnitt aus öffentlichen Auftritten und Reden geliefert, sondern das sehr intime Porträt eines Mannes, der für seine Frau Liebeslyrik schreibt und sich während seiner schweren Krankheit per Gedicht mit dem nahenden Tod auseinandersetzt. Im Gegensatz zu dem sonst traditionell abgeschirmten Familienleben der Sowjetbürger wagte sich Tatjana Filipowna vor die Kamera, Andropows Witwe, über deren Existenz bis zu seinem Tod nur gerätselt wurde. Sie schildert schlicht, wie sie ihren Mann bei der Jugendorganisation Komsomol kennen und lieben gelernt hat. Seine Stimme, sein Gesang, habe sie bezaubert. Photos aus den Jahren der Familienidylle mit den Kindern geben der Schilderung etwas rührend Alltägliches.

In einer Rückblende fängt der Film die dörfliche Umgebung von Andropows Heimatort Nagutskaja ein. Das sowjetische Publikum wird bemerken, daß der vielgelobte Parteichef wie sein Nachfolger Gorbatschow aus dem Gebiet von Stawropol stammt. Von dort führte der Film über die vielen Stationen der Karriere bis in die Moskauer Stadtwohnung der Andropows am Kutusowski Prospekt 26. Im gleichen Haus, in dem auch Breschnjew als Mieter registriert war, lebt die Familie angeblich seit mehr als dreißig Jahren. Geblümte Stoffe, lackierte Holzmöbel zeugen von biederer Behaglichkeit. Am Tisch sitzen Mutter, Sohn und Tochter, für die Aufnahmen in Sonntagsstaat gekleidet, doch nur Andropows Witwe ergreift das Wort; ihre erwachsenen Kinder lauschen artig.

Ein Schwenk und die Leinwand ist übersät mit Büchern, die in Andropows Arbeitszimmer aufgestellt sind. Neben den Klassikern des Marxismus-Leninismus, hat sich der Politiker auch mit Dante und Kant befaßt. Dann zeigt die Kamera Don Quichotte als Holzfigur, streift kurz ein impressionistisches Blumenaquarell. Noch im nachhinein wird das Image des aufgeklärten, in westlicher Literatur belesenen Parteiführers gepflegt. Selbst sein Deckname Magikas aus der Zeit der Partisanenkämpfe in Karelien, ist eine Anleihe aus der russischsprachigen Fassung von David Copperfields Buchtitel vom letzten Mohikaner. Hinter Glas entdeckt der Zuschauer ein Photo Andropows mit dem ungarischen Parteichef János Kádár. Beide verband eine lange Freundschaft aus der Zeit, als Andropow Botschafter in Ungarn war.

Für das Publikum hält der Film einen Schock bereit: Der Ungarn-Aufstand 1956 wird in drastischen Zeitdokumenten vorgeführt. Straßenschlachten, zerschossene Sowjetsterne, brutal erschlagene Opfer der Unruhen. Der Kommentar ist einseitig, aber auch vielsagend. Andropow – so erzählt János Kádár vor der Kamera – habe sich in dieser Ausnahmesituation nicht schablonenhaft verhalten, sondern dem Land viel geholfen. Daß die Sowjetarmee den Aufstand niedergeschlagen hat, wird verschwiegen.