Von Klaus Viedebantt

Daß Hauptstädte etwas von einer Wildnis haben, spiegelt sich in der Regel eher auf den Titelseiten als auf den Reiseseiten der Zeitungen wider. Folglich sind Besichtigungstouren durch Metropolen auch nichts anderes als die gewohnten, braven Stadtrundfahrten mit Abstechern in die Regierungsviertel. Auf die Idee, "Safaris" anzubieten, ist selbst im Washington der Watergate-Wochen niemand gekommen. Das blieb jetzt Wellington – inmitten einer wilden, zerklüfteten Umwelt gelegen – vorbehalten.

Wellington? Es bedarf schon überdurchschnittlicher geographischer Kenntnisse, um zu wissen, daß Wellington die Hauptstadt Neuseelands ist. International bekannt ist bestenfalls Auckland, die größte Stadt, das Wirtschaftszentrum mit dem wichtigsten Flughafen. Wellington, in einem riesigen Naturhafen an der Meeresstraße gelegen, die die beiden Hauptinseln Neuseelands trennt, hat sich hingegen erst kürzlich auf den zweiten Platz unter den Metropolen vorgerobbt und Christchurch, die zentrale Stadt der Südinsel, hinter sich gelassen.

Wellington hatte es schwerer als die konkurrierenden Städte, weil es von der Natur nicht gerade verwöhnt ist (wenn man von dem Hafen absieht). In einem engen Kreis drängeln sich steile Berge rings um die Stadt, die sich mit neuem Land aus dem Meer, mit Hochhäusern und mit kühnen Bergbebauungen Platz zu schaffen sucht. Aber die Möglichkeiten sind begrenzt, denn hinter den Bergen sind neue Berge, Wellington ist eingekreist von einem rauhen Land, das größtenteils nur Schafen sowie Hirten auf Pferden, Geländemotorrädern und Jeeps zugänglich ist – und auch das nur theoretisch. Praktisch lassen die Farmer, denen dieses Land gehört, kaum einen Fremden auf ihren Grund.

An diesem Umstand drohte auch die Idee der "Hauptstadt-Safaris" zu scheitern, mit der sich Trevor und James selbständig machen wollten. Die Freunde aus Armeetagen, beide durchtrainierte "Outdoor-Fans", gedachten mit ihrer militärischen Ausbildung etwas Vernünftiges anzufangen. Seither bieten sie, neben ganz zivilen Stadtrundfahrten, Abenteuertouren rings um Wellington an. Später sollen Safaris in allen Teilen Neuseelands folgen. "Seit Captain Cook mit den Kannibalen verhandelte, gelten unsere Inseln als Traumziel aller Abenteuersuchenden", sagte Trevor und packte die Tauchermesser auf die Picknickpakete, "wer nur zum Baden herfliegt, verschwendet sein Geld." Schon heute offeneren sie jedem, der es möchte, Ausflüge mit Fallschirmabsprung, Drachenflug oder Geländemotorrad. Basis ihres Geschäfts sind aber die vierradangetriebenen Geländewagen, in denen sechs bis acht Personen auf Schaffellsitzen komfortabel Platz finden.

Auf eine komfortable Strecke gehen Trevor & Co. allerdings nicht mehr, seit es ihnen gelungen ist, die Bedenken der Landbesitzer gegen Touristentouren auf ihren rauhen Bergpisten soweit zu zerstreuen, daß sie sogar den Jeep-Piloten Schlüssel für die Gatter aushändigten. Am schwersten zu überzeugen war jener störrische Farmer, der große Ländereien südlich von Wellington besitzt, da, wo Cookstraße und Tasman See ein kabbeliges Treffen feiern. Er legte grußlos auf, als die beiden anriefen. Also warfen sie sich in ihre Militärmonturen, wohl wissend, daß der knurrige Alte bisweilen sentimental seinen Soldatentagen nachhängt. Mit Geländemotorrädern bahnten sie sich den Weg entlang des Meeressaumes, der in Neuseeland jedermanns Land ist. Ihr Trick funktionierte, der bockige Schafzüchter lud die zwei Vaterlandsverteidiger zu einem Tee in sein Haus. Vorsichtig ließen sie die Katze aus dem Sack – und als sie von gemeinsamen Verdienstmöglichkeiten sprachen, hatten sie den Alten im Sack. "Als er Geldscheine knistern hörte, wurde er ganz eifrig ..."

Seither rumpeln sie zwei- bis dreimal wöchentlich über sein ansonsten unzugängliches Terrain, zur Freude ihrer Fahrgäste ob der herrlichen Aussicht, wie Trevor versicherte. Wir mußten es ihm glauben, zu beweisen war es nicht an diesem Tag, denn die Wolken lagen dick gepackt auf den Hügeln. Die beste Sicht hatten wir noch, als wir in einen der krummen Stollen krochen, die ein Jahrhundert zuvor strebsame Goldgräber in die Küstenberge getrieben hatten – mit mäßigem Erfolg; Wellingtons Goldboom war recht kurzlebig. "Gott sei Dank", bemerkte unser Führer, "das Gold hat nämlich mancherlei Gelichter angezogen." Wer damals einsam nach dem verführerischen Erz buddelte, hatte immer eine geladene Flinte parat. Im Strahl der starken Taschenlampe huschte ein Tier vorbei hinab in den Schacht. Eine Schlange? Nein, in Neuseeland gibt es keine Schlangen. Vielleicht eine Eidechse. Es knisterte im stickigen Schacht. Trevor sagte: "Hier ist der Berg durchlöchert wie ein Käse." Er meinte, dies sei ein beruhigender Hinweis auf die Stabilität der hiesigen Erdkruste, aber wir machten, daß wir aus der niedrigen Höhle kamen.