Manchmal verweist ein erschienenes Buch auf solche, die nicht geschrieben wurden: Warum gibt es keine, von einem Deutschen geschriebene Biographie Klaus Barbies, des als "Schlächter von Lyon berüchtigten Gestapo-Führers, der im besetzen Frankreich Juden und Widerstandskämpfer jagte, malträtierte, mordete? Im Ausland erschienen bereits mehrere Barbie-Biographien, darunter die von Nils Kadritzke ins Deutsche übersetzte von

Tom Bower: "Klaus Barbie. Lyon, Augsburg, La Paz – Karriere eines Gestapo-Chefs Rotbuch Verlag, Berlin 1984; 288 S., 20,– DM.

Tom Bower ist britischer Zeithistoriker und TV-Journalist und beschäftigt sich seit langem mit der Frage, wie und warum so viele NS-Kriegsverbrecher entkommen konnten, die meisten über die rat line nach Südamerika. Sein Buch beruht auf zahlreichen Interviews, die er bei Opfern, Förderern und Zuschauern dieser Gestapo-Karriere zusammengetragen hat, ferner auf den großmäuligen und oft verlogenen Selbstaussagen Klaus Barbies, sowie schließlich auf einer Reihe interessanter Archivmaterialien aus den USA und der Bundesrepublik. Es enthält keine juristische Vorverurteilung, aber eine moralisch-politische Quintessenz: "Beinahe fünfzig Jahre lang hat sich Klaus Barbie in offiziellem wie inoffiziellem Auftrag für Regierungen betätigt. Seine Dienste wurden von demokratischen wie von diktatorischen Systemen in Anspruch genommen. Barbie hat die Regierenden, die ihn seiner Fähigkeiten wegen anheuerten, in keinem Falle enttäuscht. Sie haben sich sein Repertoire von Manipulations- und Verhörtechniken, von Folter und Mord stets in dem vollen Bewußtsein eingekauft, daß sie es mit einem Routinier des Gewerbe zu tun hatten."

Warum einer zum Gestapo-Folterer und Franzosenhasser wurde, wird an den familiären Konstellationen in Barbies Kindheit und Jugend plausibel, wobei das Jahr 1933 ein Schlüsselerlebnis ist. Der Vater, ein vom Leben enttäuschter Haustyrann, war zugleich auch sein Lehrer in der Volksschule im saarländischen Noder. Die Kriegserlebnisse des Vaters und die französische Besatzung machten aus Barbie das Gegenteil eines Frankophilen. Als Vater und Bruder im Frühjahr 1933 gleichzeitig starben, wurde dem 20jährigen Barbie der Nationalsozialismus zur neuen Familie. Seine "Qualitäten", die ihn in SS und SD aufsteigen ließen, waren anders als bei sonstigen NS-Größen. Barbie hatte weder Führungsqualitäten noch Intelligenz, die ihn zum Planer des Vernichtungssystems prädestiniert hätten. Er war Zeit seines Lebens ein gerissener, auf persönlichen Erfolg versessener Sadist, dem es Spaß machte, Leute übers Ohr zu hauen, sie zu quälen und zu erniedrigen. Und er konnte kaltblütig töten.

Dabei belegen Bowers Recherchen, daß Barbie kein guter Polizist war; in Lyon unterliefen ihm zahllose Pannen, sogar als er mit Jean Moulin den Kopf der Résistance gefangen hatte. Den prügelte er vermutlich zu Tode, ohne wesentliche Informationen für weitere Verhaftungen erhalten zu haben. Auch seinen späteren lateinamerikanischen Herren hatte Barbie kein Konzept, sondern allenfalls Techniken zu bieten: Techniken der Demütigung, Erpressung und Vernichtung. Nicht ohne Grund nennen ihn die Überlebenden einmütig einen salaud, einen Drecksack, und den "Schlächter". Doch muß man sich bei Bezeichnungen wie Schlächter oder Folterknecht davor hüten, ihn – wie es nun auch die Verteidigung tut – zu einem reinen Befehlsempfänger zu degradieren, der immer bloß "i. A." handelte; er war für seine Taten moralisch und auch juristisch voll verantwortlich, kein mitlaufendes Rädchen im Getriebe, sondern ein Antriebsmotor des Gegen-Widerstands und der "Endlösung" im besetzten Frankreich.

Drei Fragen stellt Bower an die Deutschen. Erstens: Warum haben deutsche Staatsanwälte nach dem Krieg so schlampig und erfolglos gegen Barbie ermittelt? Und er antwortet: Weil sie bis zum ersten, schockhaft wirkenden Auschwitz-Prozeß in Ulm 1956 offenbar keinen Anlaß zu Ermittlungen sahen, und weil dann "die meisten 83 000 Ermittlungsverfahren aufgrund von Trägheit, Desinteresse, politischer Voreingenommenheit oder schlichter Unfähigkeit der Staatsanwaltschaften niemals zu Ende gebracht worden sind." Für Klaus Barbies Akte traf dies zu: Desinteresse, Unfähigkeit und indirekte Protektion. So konnte der gar nicht so dringend Gesuchte im Juni 1957 zwei Monate lang seine Mutter in Trier besuchen und Ende der sechziger Jahre erneut in die alte Heimat fliegen. Er ging nicht ins Netz, weil keins ausgespannt war. Endgültig im Juni 1971 stellte die Staatsanwaltschaft in München das Verfahren ein. Zweitens: Hat Barbie für den Bundesnachrichtendienst (BND) gearbeitet? Daß er amerikanischen Geheimdiensten in ihrem Kreuzzug gegen die bolschewistische Gefahr Informationen gab und dieser Tätigkeit seine Flucht verdankt, ist bekannt und wird von Bower in dem schauerlich-faszinierendsten Kapitel des Buchs rekonstruiert. Aber wie steht es mit dem BND? Bower gibt nur einen kurzen Hinweis auf diese peinliche Verquickung in bundesdeutsche Nachkriegspolitik; er stützt sich auf ein französisches Geheimdienst-Dokument, das heute in Paris verleugnet wird. Es ist an der Zeit, Art und Umfang von Barbies BND-Tätigkeit offenzulegen; er wäre nicht der einzige SS-Prominente in Reinhard Gehlens Organisation gewesen.

Drittens: Warum wurde Barbie nicht in die Bundesrepublik ausgeliefert? Welche Rolle spielte das Bundeskanzleramt, damals noch unter Schreckenberger und dem Eindruck internationaler Urteils- und Prozeßschelte wegen des Düsseldorfer Majdanek-Verfahrens, als sich Bolivien 1982 auslieferungsbereit zeigte, Barbie jedoch nicht in einem deutschen Untersuchungsgefängnis landete? Bower will von französischen Gesprächspartnern Schreckenbergers in den damaligen Geheimverhandlungen erfahren haben, daß die Regierung Kohl keineswegs aus rechtlichen Bedenken, sondern aus politischen Gründen Barbie nicht haben wollte.