Alle ein, zwei Wochen liegt der Tageszeitung Werbepapier aus der Möbelbranche bei, mehrseitige Faltblätter der örtlichen Einrichtungshäuser. Was sie offerieren, ist gewaltig in Bild und Wort. Interieurs von einer Üppigkeit, die über die Ränder quillt. Weitwinkelblick auf Edelholzküchen und Herrenzimmer, Großraumbettanlagen und Polsterlandschaften. Dazwischengehämmert die Kampfpreise des Hauses, immer knapp unter die nächstgelegene Tausend- oder Hundertmarksgrenze gedrückt. Der Werbetext ist ähnlich kapital: Hochklassig, stilvoll, traumhaft, romantisch, massiv, superkomfortabel und urgemütlich. So heißen die Qualitäten in der Abteilung Wohnen.

Dieses aufwendige Anbieten aufwendiger Dinge kündet von Überkapazitäten auf dem Einrichtungsmarkt, aber auch von der erstaunlichen Aufnahmefähigkeit deutscher Häuser und Wohnungen und davon, was heute für besitzenswert gilt. Fachleute, die über Einrichtungskultur schreiben, tun das gewöhnlich, wenn sie von einer Mustermesse kommen oder namhafte Designer besucht haben. Sie wollen dem dezidierten Gestalten nahe sein und den neuesten Trend zu fassen kriegen. Die Zeitungsbeilage von Möbelhaus Schulz wird dabei leicht übersehen. Für die Stilkunde des Gängigen ist sie aber ein wichtiger Beleg mit ihrem "Superangebot aus 4 Etagen. Für alle, die sich mit Geschmack einrichten wollen."

Wie richten sich die Deutschen ein in den achtziger Jahren, ein Stockwerk tiefer und im Haus nebenan? Müßte es in einem Wort gesagt werden, so könnte dieses Wort am ehesten "restaurativ" heißen. Hersteller, Händler und Käufer sind sich einig in einem Wertbegriff, der zugleich aufwärts und rückwärts weist: gehobene Ausstattung. Sie macht jede Immobilie eine Klasse besser und ist darum ein Topos in der Sprache der Bauträger und Makler. Was Größe, Lage und Bausubstanz nicht hergeben, das muß die Ausstattung leisten im Wettbewerb. Farbige Sanitärobjekte und offener Kamin sind für die Wohnung, was für das Auto Metalliclackierung und getönte Scheiben sind: Scharf kalkulierter Luxus, der zum Standard zu werden droht.

Die Möbelwerbung kehrt die Zugehörigkeit zur gehobenen Ausstattung mit den Vorzugswörtern "repräsentativ" und "exklusiv", pardon, "exclusiv" hervor. Diese Etiketten kleben allerdings auf jedem zweiten Stück, denn auch beim Besonderen muß es natürlich die Menge machen.

Es ist nicht der verbreitete Wohlstand allein, es ist die Entschlossenheit der allermeisten Familien, fürs Noble oder wenigstens nobel Wirkende Opfer zu bringen. Ans Einrichten geht man nicht mit leichter Hand, sondern angestrengt und in dem Bewußtsein, Werte anzuschaffen. Sitzecke, Teppich und Stehlampe werden nicht bloß nach Brauchbarkeit taxiert, auch nicht nur nach Gefallen, sondern danach, ob sie auf mögliche Besucher Eindruck zu machen versprechen, ob sie "repräsentativ" sind. Sich so einrichten heißt mit fremden Augen auswählen, und das wiederum heißt fast immer, überkommenen, übernommenen Vorstellungen von Ansehnlichkeit und Güte folgen.

Vielleicht müssen Möbel imponieren, um gefallen zu können. Jedenfalls leitet das traditionelle Wert- und Besitzdenken auch junge Leute, nicht nur in der Provinz. Sie wollen Stattliches vorweisen können, zumal, wenn Gelder von Eltern und Schwiegereltern mit anzulegen sind. Schon in der behelfsmäßigen ersten Wohnung sollen möglichst zwei, drei gute teure Stücke zeigen, wohin die Planung geht. Studenten und andere Nichtseßhafte begnügen sich natürlich gern mit irgendeiner alternativen Kistenkultur, aber auch sie sind für das Möbelhaus Schulz nicht unbedingt verloren. Zu Amt und Familie gekommen, findet mancher von ihnen doch noch zum repräsentativen Stil.

Kauffreudig, aber unschlüssig stehen Braut- und Ehepaare oder um wichtige Verwandte erweiterte Einkaufskommissionen vor der Pracht. Sie schreiten opulente Einbauküchen ab, herrschaftliche Wohnzimmer und blendend vornehme Badesalons. Das ist willkommene Kundschaft. Kaufkraft und ernster Vorsatz sind gegeben, ungenau dagegen sind die Maßstäbe für das, was man schön finden soll. Mal neigen die Überlegungen dem Sparsamen, Vernünftigen zu, mal erliegen sie dem schaurig-schönen Reiz, über die Verhältnisse anzuschaffen. Zu rechtfertigen ist fast alles, und sei es mit dem Lock-Argument: Also wenn wir nun schon bauen respektive uns neu einrichten, dann soll es aber auch etwas Richtiges sein, dann darf es auf tausend Mark nicht ankommen.