Ein Vorfall ohne Beispiel in der Touristik-Wirtschaft: Da beschließt eine Landesregierung, einen Nationalpark einzurichten und damit der regionalen Tourismuswirtschaft ein geldwertes Werbeargument in den Schoß zu legen – und der Fremdenverkehrsverband sagt: Nein danke. Und: "Wir benutzen den Begriff vorläufig nicht in unserer Werbung." So geschehen in Schleswig-Holstein, wo die Kieler Regierung ein Gesetz vorlegte, das aus dem Wattenmeer an der Westküste noch in diesem Jahr einen Nationalpark machen soll.

Gegen den Plan ist nichts einzuwenden, aber wie so oft liegt der Teufel im Detail. Kiel hat mit seinen diversen Planungen für das Gesetz und mit seinem Zickzackkurs alle Beteiligten und Betroffenen total verunsichert. Außerhalb der Landesgrenzen erntet die Regierung nur Staunen mit ihrem Nationalpark, in dem ausgerechnet Ölbohrern und Bundeswehr-Kanonieren ihr Tun gestattet wird. Den Ökologen im nördlichsten Bundesland gehen die Regelungen zum Schutz des Watts nicht weit genug, die Bewohner, die das größtenteils schon unter Naturschutz stehende Watt seit Jahrhunderten erhalten, bemängeln die fehlende Sachkunde in vielen vorgesehenen Einzelregelungen. Vor allem haben die traditionell freiheitlich gesinnten Dithmarscher und Nordfriesen das Gefühl, die Landesregierung wolle per Ukas über sie hinwegregieren.

Ministerpräsident Uwe Barschel und seine Mitstreiter sitzen, das zeigen die derzeit in Kiel laufenden Anhörungen zum Gesetzentwurf, zwischen allen Stühlen. Es gibt zwar genug Konzepte, Pläne und Stellungnahmen (nicht zuletzt aus der für Schleswig-Holstein so wichtigen Fremdenverkehrswirtschaft), die als Grundlage für eine weitgehende, allgemeine Zustimmung zu diesem (prinzipiell wünschenswerten) Nationalpark dienen könnten. Aber eine solche Übereinstimmung läßt sich nicht unter dem Zeitdruck erreichen, den die Regierung jetzt ausübt: Wegen vermeintlicher Publizitätserfolge will sie noch in diesem Herbst mit einem Nationalpark glänzen, um diese Diskussion bis zu den Landtagswahlen 1987 vergessen zu lassen.

Ob die Rechnung aufgeht, ist fraglich. An der Westküste, in den bislang CDU-treuen Kreisen Nordfriesland und Dithmarschen, muß die Regierung womöglich mit einer verbreiteten Wahlenthaltung bei ihrer Stammklientel rechnen. Wozu das führen kann, hat die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gezeigt. Und die Dickschädel an der Westküste haben, das hat die Geschichte mehrfach bewiesen, ein gutes Gedächtnis.

Klaus Viedebantt