Ministerpräsident Zhao wurde von der deutschen Wirtschaft enthusiastisch empfangen

Von Matthias Naß

Bonn, im Juni

Der hohe Gast aus Fernost verkündete dem Auditorium eine frohe Botschaft: "Ich möchte unseren westeuropäischen Freunden sagen, daß sich der wirtschaftliche Aufbau und die Reform des Wirtschaftssystems Chinas gesund entwickeln." Und er fügte ein Versprechen hinzu: "Unsere Zielsetzung ist klar vorgezeichnet, wir werden konsequent handeln. Die Schritte dazu sind vorsichtig. Wir werden uns nach jedem Schritt umsehen und sicher vorwärts schreiten, um den Erfolg bei der Reform zu gewährleisten."

Die Kunde wurde gern gehört. Auch am Glauben fehlte es nicht. Rund vierhundert deutsche Manager feierten im Haus des Deutschen Industrie- und Handelstages den chinesischen Ministerpräsidenten Zhao Ziyang mit stehenden Ovationen. Alles, was in der deutschen Wirtschaft gut und teuer ist, hatte seine Vertreter in die DIHT-Zentrale an der Bonner Adenauerallee entsandt.

Zhao enttäuschte sein Publikum nicht. Selbstbewußt präsentierte Chinas Premier die stolze Bilanz der ersten sechs Reformjahre: eine durchschnittliche Wachstumsrate von 8,2 Prozent; 51 Millionen neue Arbeitsplätze in den Städten; die Verdoppelung der bäuerlichen Einkommen. Und da das chinesische Jahrhundert-Experiment aus eigener Kraft nicht zu bewältigen ist, lud Zhao Ziyang die deutschen Unternehmer zur Mitarbeit ein. China werde an seiner "Öffnung nach außen" festhalten, versicherte er ihnen: "Die Selbstabgeschlossenheit ist mit dem modernen Aufbau unvereinbar."

Dem Kommunisten aus Peking flogen in Bonn die Herzen der deutschen Kapitalisten zu. Dem kühlen Manager der Macht, der seine Bewährungsprobe bestand, als er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre im Auftrag Deng Xiaopings die verluderte Riesenprovinz Szechuan (100 Millionen Einwohner) mit unkonventionellen Methoden auf Vordermann brachte, schenken sie gern ihr Vertrauen. Nach Deng Xiaoping gilt er ihnen als verläßlichsten Garant, daß China weiter auf Reformkurs bleibt. Zhao ist ein Mann ganz nach ihrem Geschmack. Im eleganten dunkelblauen Nadelstreifen-Zweireiher mit weißem Ziertuch macht er eine tadellose Figur: der chinesische Handlungsreisende als Hoffnungsträger. Frei von Sentimentalitäten verzichtete er – anders als sein von der Deng-Fraktion geschaßter Amtsvorgänger Hua Guofeng bei seiner Europavisite 1979 – auf Pilgerfahrten zum Karl-Marx-Geburtshaus in Trier und zum Marx-Grab in London.