Stuttgart

Vor Wochen einmal hatte Ulrich Lang, Chef der 41 Mann starken Sozialdemokraten im Baden-Württembergischen Landtag, einen großen Tag. Als der Oppositionsführer am Morgen das Parlamentshaus betrat, stieß er auf Lücken in der CDU-Regierungsmannschaft. Obwohl der Landtag über die Wirtschaftspolitik des Landes diskutieren wollte, fehlte ausgerechnet jener, der auf diesem Sachgebiet die Debatte beherrscht: Ministerpräsident Lothar Späth. Er redete derweil beim Sparkassentag in Frankfurt und ließ die heimischen Parlamentarier schmoren, nicht einmal eine Entschuldigung hatte er dem Stuttgarter Landtagspräsidenten zukommen lassen.

Das ärgerte die Sozialdemokraten. Falsch: es freute sie. Ließ sich an Hand dieses Falles doch einmal in grellem Licht aufzeigen, daß Späth in allen Hauptstädten der Welt zu Hause ist, nur nicht in seiner eigenen. Zumal auch Regierungsbeamte zwei Stunden lang keine Auskunft geben konnten, ob sich "der Chef" gerade in Moskau, Tokio, Dallas, München oder vielleicht nur in Bonn aufhalte, wurde die Landtagsszene zu einem Triumph der Opposition. Zwar gelang es gegen die Mehrheit der CDU nicht, den Regierungschef ins Parlament zu zitieren, wie es das gute Recht der Abgeordneten ist, aber wenigstens der Optik nach hatte Lang einen Eintrag ins Klassenbuch erreicht.

Doch solche Augenblicke sind selten im kargen Leben der Stuttgarter Oppositionspolitiker. Seit 1980, als die Grünen in den fensterlosen, eichenen Plenarsaal einzogen, sind sie zwar zu dritt, aber am Gefälle zwischen der selbstbewußten Regierung Späth und einer schwachen Opposition bat sich dadurch wenig geändert.

Hauptsächlich leiden die Oppositionsparteien SPD, Grüne und FDP an ihren eigenen Schwierigkeiten. Alle drei befinden sich im Umbruch. Ulrich Lang hat vor fünf Jahren das Erbe Erhard Epplers angetreten, und ist seither mit Eifer bemüht, aus dem zu Zeiten Helmut Schmidts betont linken Landesverband eine Partei zu machen, die beim führenden Mittelstand und Kleingewerbe des deutschen Südwestens wieder Gehör findet.

Die Absage der SPD an die neuen Medien etwa fällt im Ländle weniger radikal aus als in anderen Landesverbänden, über die Kernenergie wird kaum noch diskutiert, und in der Industriepolitik haben selbst frühere Anhänger Epplers gemäßigte Töne gefunden. Industrie und Umwelt, so formulierte kürzlich der Landesvorstand in einem Antrag für den Landesparteitag, seien keine Gegensätze, sondern müßten, zugunsten des Umweltschutzes, versteht sich, aufeinander abgestimmt werden. Seit die baden-württembergische SPD 1983 der Nachrüstung eine radikale Absage erteilt und damit das Thema geschickt "abgehakt hat", ist der Fortschritt in der innerparteilichen Konsolidierung deutlich zu spüren.

Freilich fehlt es den Sozialdemokraten an einem zugkräftigen Spitzenkandidaten. Ulrich Lang, der Studiendirektor eines evangelischen Gymnasiums, ist fleißig und redlich, seine Ausstrahlung übertrifft die eines pietistischen Oberlehrers nicht. Wahlerfolge sind denn auch ausgeblieben, wiewohl die CDU seit dem 56-Prozent-Triumph Filbingers aus dem Jahre 1976 inzwischen wieder auf 51,9 Prozent gesunken ist, die SPD verharrt bei 32 Prozent. Zwar gibt es einige Erfolge bei der Wahl von SPD-Oberbürgermeistern in Mannheim und Freiburg, gleichwohl gehören allenfalls 100 der mehr als tausend Stadt- und Gemeindeoberhäupter der SPD an.