Erst gegen Schluß der langen Rede horchte das Publikum auf. Die Warnung lag zwar in der Luft, doch hatte es zunächst so ausgesehen, als ob der italienische Notenbankchef diesmal in seinem traditionellen Jahresbericht eher zurückhaltend sein werde.

"Wir sind mitten auf dem Weg stehengeblieben und gefährlichen Rückschlägen ausgesetzt", mahnte Carlo Azeglio Ciampi seine Gäste. Mit wenigen Strichen zeichnete er ein düsteres Bild, das so gar nicht zu den Erfolgen paßt, die Italien 1984 errungen hat: "Die Konjunkturaussichten werden grauer. Wachsende Schwierigkeiten tun sich bei den öffentlichen Finanzen auf. Die Einkommenspolitik wird nicht mehr mit Energie betrieben. Preisentwicklung und Verschlechterung der Außenhandelsdaten machen die größten Sorgen."

Auch wenn die Teilnehmer an der 91. Jahresversammlung der Notenbank den Bericht nicht mitlesen konnten, weil ein Streik des Notenbankpersonals den Druck der Rede verhindert hatte, blieben ihnen die Bemerkungen doch haften. Schon am nächsten Tag zog Giorgio La Malfa, Finanzfachmann der republikanischen Regierungspartei, daraus den Schluß: "In wenigen Wochen könnte die Notenbank zu energischen Geld- und Kreditrestriktionen gezwungen sein."

Der Auslöser sei das steigende Außenhandelsdefizit, denn Italien importiert derzeit große Mengen Konsumgüter. Da die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie zu wünschen übrig läßt, entstand allein in den ersten vier Monaten ein Passivsaldo von mehr als zehn Milliarden Mark, sowohl in der Handelsbilanz als in der Bilanz der laufenden Zahlungen.

Mit Recht ist Notenbankchef Ciampi auch über die Preisentwicklung besorgt. Seit einem halben Jahr steht der Inflationspegel bei acht Prozent, während er von Januar bis Oktober 1984 um vier Punkte gesunken war. Ein Teil der römischen Wirtschaftspolitiker ist der Ansicht, daß mit acht Prozent die Untergrenze der Inflation erreicht sei. Auch mit noch so großen Anstrengungen und Opfern könne sie nicht mehr wesentlich gesenkt werden, weil es die unzureichende italienische Infrastruktur einfach nicht erlaube.

Der Notenbankchef ist anderer Ansicht. Er verweist darauf, daß die Geld- und Kreditmenge sich in den ersten vier Monaten dieses Jahres um fünfzehn Prozent ausgeweitet hat, obwohl nur zehn Prozent geplant waren. Die Hauptschuldigen dafür säßen in Rom, denn "die Steigerung des staatlichen Kreditbedarf hat die Inlandsverschuldung zunehmen lassen", stellte Ciampi fest.

Im ersten Jahresdrittel hat der Schatzminister bereits ein Viertel mehr Schulden machen müssen, als im Haushaltsplan vorgesehen war. Der staatliche Schuldenberg im Inland steht der Notenbank allmählich als Menetekel vor Augen. Im nächsten Jahr werden die Schulden der öffentlichen Hand die Höhe des Sozialproduktes erreichen.