Von Burkhard Kieker

Der Ruhm für Ingenieur a. D. Werner Gerich kam spät und fern der Heimat. Eigentlich war der 65jährige Rentner aus Bretton bei Karlsruhe in die Volksrepublik China gereist, um dort als Senior-Experte einem Einzylinder-Dieselmotor auf den Zahn zu fühlen. Das Produkt der staatlichen Motorenfabrik Wuhan gebe schon oft nach einigen Stunden Laufzeit den Geist auf, klagten die Einheimischen.

Schon wenige Tage nach seiner Ankunft hatte der ehemalige Betriebsingenieur einer deutschen Flugmotorenfabrik erkannt, daß es nicht etwa ein Konstruktionsfehler war, der den Motor so frühzeitig verrecken ließ, sondern schlicht die schlampige Verarbeitung: miserabler Guß, Sand im Kühlwasser und Späne im Zylinderkopf. "Wenn ich Chef wäre", zürnte der qualitätsbewußte Badener, "würde sich hier einiges ändern." Die Chinesen nahmen ihn beim Wort. Nach knapp einem Monat im Reich der Mitte fand sich der verblüffte Pensionär auf dem Sessel des Generaldirektors wieder. Als erstem Ausländer haben die Chinesen dem Deutschen vorläufig die Leitung eines Staatsbetriebes anvertraut.

Seitdem fegt Gerich, kurz Ge Lixi genannt, im blauen Kaderdrillich allgegenwärtig durch die altmodischen Werkhallen und vermittelt den rund 1800 chinesischen Arbeitern einen prägnanten Eindruck davon, was unter kapitalistischer Arbeitsmoral zu verstehen ist. Der agile Rentner hat das Zeitungslesen während der Arbeitszeit verboten, schreckt die Arbeiter aus ihrem Mittagsschläfchen neben der Drehbank und kontrolliert auch schon mal persönlich morgens am Werktor, wer zu spät kommt.

Kompetentes Management und die Einführung von leistungsbezogenen Löhnen in "seinem" Betrieb haben Werner Gerich zu einem Vorzeige-Star von Teng Hsiao-pings neuem Wirtschaftskurs gemacht. Ab beliebtes Objekt der Regierungspresse und neuer Ehrenbürger der Industriemetropole Wuhan ist Ge Lixi zu unerwartetem Ruhm gelangt.

Möglich geworden ist diese ungewöhnliche Rentnerkarriere durch den Senior Experten Service (SES) in Bonn. Seit Anfang 1983 schickt der "ehrenamtliche Beratungsdienst der deutschen Wirtschaft für Entwicklungsländer" pensionierte Fachleute in die Dritte Welt. Das Konzept ist plausibel: Was in den Entwicklungsländern dringend benötigt wird, sind erfahrene Praktiker. Die aber gibt es in der Bundesrepublik genügend. Es sind Pensionäre mit großer Berufserfahrung, die sich zu jung fühlen fürs Altenteil und voller Tatendrang stecken. Zudem sind die Ruheständler finanziell meist unabhängig und gern bereit, ihr Wissen kostenlos preiszugeben.

Nachdem die Karl-Duisberg-Gesellschaft schon 1969 die Gründung einer Veteranenorganisation der Wirtschaft angeregt hatte, fanden 1981 auch staatliche Stellen Gefallen an dem Gedanken, das brachliegende Expertenpotential für die Dritte Welt zu nutzen. Als der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) ein positives Gutachten zur Gründung des SES vorlegte, ließ Entwicklungsminister Rainer Offergeid 560 000 Mark im Haushalt für 1983 reservieren. Während der DIHT Büros und Sekretärinnen in Bonn bereitstellte, sollten die Staatsmittel der privaten Organisation den nötigen Startschub verleihen.