Mit dem Stopp des Projektes Growian beweist Bonn überraschend Realitätssinn

Cui bono? Dies scheint eine Frage, die man sich im Bonner Forschungsministerium neuerdings etwas häufiger als üblich stellt, zumindest auf der Leitungsebene. Ja, wem nützen sie eigentlich, die vielen Großprojekte, deren millionen- und milliardenschwere Gigantomanie des immer Größer, Höher, Tiefer und Schneller sich schon im Wortsinn widerspiegelt. Growian (Große Windanlage) oder Schneller Brutreaktor sind dafür nur zwei Beispiele.

Growian zumindest scheint nun niemandem mehr zu nützen. Forschungsminister Heinz Riesenhuber hat für dieses Projekt das Handtuch geworfen, für Außenstehende ziemlich überraschend. In der Tat hat der Minister nicht lange gezögert. Nachdem der Betrieb der Anlage sehr unbefriedigend war, sich überdies zusätzliche kostspielige Investitionen abzeichneten, wurde für Bonner Verhältnisse rasch entschieden, keine neuen Mittel mehr zu bewilligen. Offenkundige Reparaturanfälligkeit warf zudem die Frage auf, was der Betrieb einer Vielzahl von Growianen in Entwicklungsländern – dies war eine Zielvorstellung des Projektes – bedeuten könnte: Bei Störungen müßte man die Experten erst aus Deutschland einfliegen lassen. Solchen Nonsens, der in der Entwicklungshilfe durchaus Methode hat, mochte Riesenhuber für seinen Teil nicht weiter fördern.

Die große Windanlage ist noch unter der Ägide eines SPD-Ministers entstanden, und zwar unter dem Eindruck einer vom Stichwort "regenerierbare Energie" geprägten Umweltdiskussion. Doch gleich von Anfang an war Growian wegen seiner Größenordnung das falsche Konzept. Kleine, dezentrale Windmühlen alten Stils in neuer Technik machen sich weit besser, ob hierzulande oder in der Dritten Welt. Kleine, dezentrale Einheiten sind überhaupt ökonomisch der sinnvollste Ansatz für regenerative Energiequellen. Riesenhubers Absage an Growian bedeutet daher auch keinen Verzicht auf Wind schlechthin, vielmehr auf Größe.

"Small is beautiful" gilt – im negativen Sinn – für Growian in des Wortes doppelter Bedeutung: Abgesehen vom technologisch-ökonomischen Mißerfolg ist die riesige Windmühle nämlich auch alles andere als schön. Man stelle sich nur vor: tausend dieser Dinger pro Quadratkilometer. So hoch und gar noch höher hinaus waren die Pläne der Growian-Erfinder geflogen. Riesenhuber hat sie auf die Realität der Erde und seines knappen Etats zurückgeholt. Gerade noch rechtzeitig, ehe erneut investiert wurde und dann irgendwann wieder einmal jener fatale point of no return erreicht worden wäre, von dem ab ein Großprojekt einfach nicht mehr zu stoppen ist, weil schon – wie beim Brüter in Kalkar – zuviel investiert worden ist.

So wie das Projekt Growian Symptom für eine falsch verstandene Politik von regenerativen Energiequellen war, so könnte die Abbruch-Entscheidung ebenfalls ein Symptom sein, zumindest ein deutliches Signal. Ein Signal nach innen an die Adresse der mit Millionen und zuweilen auch Milliarden jonglierenden Technologie-Bürokraten des Ministeriums, ein Signal nach außen an die Adresse der Industrie, die nur allzugern von Staats wegen fördern läßt, was sie selbst aus eigener Kraft nie bezahlen würde.

Die wohl wesentlichste Bedeutung des Signals aber ist die Mahnung, öfter danach zu fragen, wem ein Projekt nützt. Bei Technikern ist Größe ebenso wie bei staatlichen Technik-Förderern beliebt, demonstriert sie doch beider Macht, die der Macher und jener, die das Machen mit ihrem Geld ermöglichen.