Von Benjamin Henrichs

Er spielt wieder mit. Man spielt ihm mit. Man reißt ihn vom Kreuz und bricht ihm dabei die Beine. Man fährt mit ihm Traktor, übers Land, in die Stadt. Man stellt ihn auf den kalten Fußboden, mitten unters Gerümpel. Man nimmt ihn ins Bett, um sich an seinem hölzernen Leib zu wärmen. Zuletzt, auf einem verschneiten Friedhof, nagelt man ihn wieder ans Kreuz.

Das ist die Schlußszene von Franz Xaver Kroetz’ neuem Stück "Bauern sterben", das der Autor jetzt an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat. Den Menschen geht es schlecht auf der Welt. Aber einem geht es noch schlechter: dem Menschensohn, dem gekreuzigten Heiland, dessen Kreuzigung sich jeden Tag wiederholt.

Er spielt wieder mit. Er und seine Mutter (der Vater weniger) gehören plötzlich zu den Hauptakteuren der zeitgenössischen Kunst. Man trifft sie beinahe überall: bei Herbert Achternbusch, der ein totenbleiches Christus-Gespenst durch die Welt und übers Wasser wandeln läßt; bei Peter Handke, der über die Dörfer und auf die heiligen Berge geht; bei Jean-Luc Godard, der so schamlos wie furchtsam das Mysterium (und den schönen Mädchenleib) der Jungfrau Maria betrachtet. Nicht einmal ein erotisches Boulevardstück (wie Lars Noréns "Dämonen") kommt derzeit ohne metaphysisches Geraune und Kreuzigungs-Pantomime von der Bühne.

Natürlich ist das alles keine "fromme" Kunst. Man geht vor Gott nicht auf die Knie, man hadert und man rauft sich mit ihm. Doch man schreitet dabei einigermaßen heroisch über den Alltag hinaus (hinauf) in die Ewigkeit. Dort oben ist die Luft so dünn wie sie dort unten stickig war – Atemnot bereitet beides. Auch das Theater braucht die Luft zum Leben.

Es soll nicht respektlos klingen – aber eine Weile möchte man der heiligen Familie nun nicht mehr begegnen. Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Kroetz zum Beispiel hat sein nächstes Stück schon fertig; er selber wird es wieder inszenieren, wiederum an den Münchner Kammerspielen. Das Stück heißt "Weihnachtstod".

Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: "Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen." So fängt ein Märchen an. Brüderchen und Schwesterchen heißen in "Bauern sterben" Sohn und Tochter und leben weit draußen auf dem Land, im Schoße der Familie, und sind betrübt bis auf den Tod.