Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

Dieser Spionagefall geht Amerika tief unter die Haut. Wichtigste Geheimnisse der strategischen Seestreitkräfte sind verraten worden. Der CIA-Direktor Casey spricht von einem "großen Erfolg" des sowjetischen KGB, die New York Times vermutet den schwersten Schaden für die nationale Sicherheit seit dem Atombombenverrat des Ehepaares Rosenberg vor fast vierzig Jahren. Und immer wieder ist in den seitenlangen Reportagen selbst der angesehensten Zeitungen zu lesen, es handele sich um die Aufdeckung des größten Spionageringes in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Trotz dieses Superlativs fällt es den Amerikanern schwer, das Phänomen der Spionage im Familien- und Freundeskreis des John A. Walker zu begreifen. Sie wissen überdies, daß sie das wirkliche Ausmaß des durch Verrat entstandenen Schadens aus "Sicherheitsgründen" nie erfahren werden.

Was die Amerikaner am tiefsten erschreckt, ist die Erkenntnis, daß mit John Walker und seinen Freunden eine neue Spezies von Spionen in Erscheinung getreten ist. Dies sind nicht mehr die intellektuellen Überzeugungstäter in gesellschaftlich angesehenen Positionen wie Alger Hiss, Klaus Fuchs oder Julius und Ethel Rosenberg. Dies sind vielmehr Bürger, die (vermutlich) aus schnöder Geldgier handeln und die dem patriotisch drapierten Milieu des konservativen Mittelstandes angehören. John Walker, spiritus rector des Ringes, stellte ein Photo Präsident Reagans auf seinen Schreibtisch. Er beteiligte sich in der Gemeinde an der Suche nach vermißten Kindern, er war aktiver Sympathisant des Klu Klux Klan.

Die Sowjetunion habe, so meinen jetzt die Experten des FBI, das Potential an Spionen in der amerikanischen Mittelklasse eher entdeckt als die amerikanische Spionageabwehr. Der Grund für das Versagen könnte darin liegen, daß die Sicherheitsagenten und Polizisten in aller Regel aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht kommen wie die geldhungrigen Verräter. Für die Behörden neu und alarmierend ist, welche Gelegenheiten zum Verrat Offiziere in relativ niedrigen Positionen haben, wenn sie an verschiedenen Orten, aber aufeinander abgestimmt arbeiten. John Walker hat das wichtigste Prinzip aller Geheimhaltung durchbrochen: Geheime Kenntnisse auf der unteren Ebene der Streitkräfte klein zu halten.

Walker hatte seine Quellen an der Ost- und Westküste Amerikas. Er reiste nach Italien und in die Bundesrepublik, nach Hongkong und Manila. Er sammelte Informationen ein, die sein Bruder, sein Freund und schließlich sogar sein Sohn bei der Navy abgestaubt hatten. Niemand kam ihnen auf die Spur. Und das ist für den Abwehrapparat wie für das Pentagon wahrscheinlich der größte Schock: Hätte nicht die geschiedene Frau John Walkers nach 15 Jahren eines verzehrenden inneren Kampfes den Weg zu einem FBI-Agenten gewagt – der Spionagering wäre noch heute intakt.

Barbara Joy Crowley Walker war mit John, dem Marineoffizier, von Ort zu Ort gezogen und oft alleine gewesen. Schon Ende 1968 wußte sie, daß ihr Mann für die Sowjets arbeitete. Sie schwieg. Im Jahre 1976 quittierte John den Dienst. Er gründete, wahrscheinlich mit KGB-Führung, ein Detektivunternehmen, das viele Reisen, auch mit kleinen Privatflugzeugen, plausibel erscheinen ließ. Es kam zu Spannungen in der Familie Walker, schließlich zur Scheidung. Die Frau ernährte vier Teenager, bis der Sohn zum Vater ging. Der Vater wurde das Idol des jungen Michael. Völlig überraschend für seine Freunde trat Michael plötzlich in die Marine ein.