Überraschend endete die Jagd auf den Lagerarzt von Auschwitz. Ist Josef Mengele wirklich 1979 in Brasilien gestorben?

Mit bloßen Händen griff der Gerichtsmediziner José Antonio Melho in das offene Grab und sammelte Schädel, Knochen und Haarreste eines Mannes ein, der am 8. Februar 1979 auf dem "Cimiterio da nossa Senhora Rosario" in Embu, einem Vorort von São Paulo bestattet worden war. Damals galt der Tote als Wolfgang Gerhard: ein österreichischer Staatsbürger, der in den ersten Nachkriegsjahren nach Brasilien ausgewandert war. Tatsächlich sei, das meinte der Polizeichef von São Paulo noch an Ort und Stelle der Exhumierung, hier "mit neunzigprozentiger Sicherheit die Leiche Josef Mengeles" begraben worden. Auch Mengeles Sohn Rolf, Rechtsanwalt in Freiburg, erklärte, er habe keinen Zweifel daran, daß es sich "um die sterblichen Überreste meines Vaters" handele. Bereits vor sechs Jahren habe er sich in Brasilien "persönlich über die Umstände seines Todes vergewissert".

Abrupt fand so die weltweite Jagd nach dem KZ-Arzt – gerade auf ihrem Höhepunkt – ein vorläufiges Ende. Insgesamt zehn Millionen Mark waren auf die Ergreifung Mengeles ausgesetzt worden. Der Nazi-Verfolger Simon Wiesenthal aus Wien suchte ihn mit Inseraten in südamerikanischen Zeitungen (Kostenpunkt: 60 000 Dollar). Beate Klaisfeld aus Paris vertraute auf einen zweiminütigen Fernsehfilm, der für eine Gebühr von 2300 Dollar pro Ausstrahlung in Paraguay lief, wo sie Mengele vermutete. Auch die amerikanische Regierung hatte ihre Hilfe bei der Suche versprochen.

Am 31. Mai fielen bundesdeutschen Fahndern bei einer Hausdurchsuchung neun Briefe in die Hände, In einem davon berichtete ein Wolfram Brossert aus São Paulo vom Tod Wolfgang Gerhards. Der Empfänger: Hans Seidlmeier, pensionierter Prokurist der Günzburger Landmaschinenfabrik Mengele und Söhne und gelegentlicher Geldkurier für den untergetauchten KZ-Arzt. Er hatte die Korrespondenz in den Kleidern seiner Frau versteckt.

Wolfram Brossert und seine Frau wurden in São Paulo verhaftet und gestanden ohne Umschweife: Mengele sei seit sechs Jahren tot; beim Baden im Atlantik sei er an einem Schlaganfall gestorben. 1970 habe ihnen der wirkliche Wolfgang Gerhard den Nazi-Verbrecher unter einem Decknamen vorgestellt; er wohnte dann bei ihnen. Ein Jahr später habe Mengele seine Identität eingesunden – doch nun empfanden die Brasserts Mitleid für den neuen Freund. "Wenn man erst einmal jemanden näher kennengelernt hat", erzählte Herr Brassert mißtrauischen Reportern, "jemanden, der die Natur, Kinder und Tiere liebt und sich für Literatur und Philosophie interessiert, dann fällt es schwer zu glauben, dieser Mensch könne all die grausamen Verbrechen begangen haben."

Der echte Wolfgang Gerhard kehrte 1975 in seine Heimatstadt Graz zurück. Er habe, sagt Brassert, seine Personaldokumente in Brasilien gelassen und Mengele habe seine Identität angenommen. Im Haus der Brasserts fand die Polizei die gefälschten Ausweise.

Säuberlich fügen sich die Einzelheiten der Erzählung zu einem Rührstück. Hauspersonal, Nachbarn und andere Quartiergeber Mengeles bezeugen, daß der KZ-Arzt, friedfertig und ängstlich, nahezu 20 Jahre in und um São Paulo gelebt haben soll. Auch Wolfgang Gerhard, der Mann, unter dessen Namen Mengele angeblich gestorben ist, paßt ins Bild. In Graz, wo er 1978 bei einem Autounfall starb, galt der einstige HJ-Führer als Vollblutnazi, von dem seine Zugehfrau zu erzählen weiß, er habe die Spitze seines Weihnachtsbaums mit einem glitzernden Hakenkreuz verziert.