Tagebücher und Biographien belegen es: Irgendwann lasen sie, die Gebildeten des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, es alle einmal, das Handbuch für Reisende von Karl Baedeker aus Leipzig. 1832 erschien der erste, noch 1944 der letzte in Sachsen verlegte Band. In rotem Leinen, mit Goldschrift, deutsch-pedantisch und humorfrei in drei Sprachen; oft ziemlich langweilig, doch sehr, sehr verläßlich. Gelobt wurde es sogar von den Reisenden in der Luft, denn zu schätzen wußten die exquisiten Karten mit den gestochen scharfen Bahnlinien, Brücken und Gaswerken auch noch jene US-Bomberkommandanten, die – so schworen es mir etliche Buchhändler im amerikanischen Boston – den Steuerknüppel in der einen, ihren "Baydicker" in der anderen Hand, nachts am Himmel von Köln, Hamburg und Berlin herumsuchten. Diese "Bombing-Germany-Saga" hat eine skurril anmutende Fortsetzung: Noch lange nach dem Krieg soll das Pentagon die alten Rußland-Baedeker aufgekauft haben ...

Von einer weit friedlicheren Gruppe von Reisenden, der in fast jedem Band der Jahrhundertwende ein eigener Absatz gewidmet wurde, weiß man sehr wenig. Gemeint sind die Fahrradfahrer. Unzählige dieser verbissen tretenden Burschen quälten sich damals schon durch die – vermeintlich – zivilisierte Welt. Gern hätte man es gewußt: Benutzte Lenin etwa, um zu seinem Lesesaal in der gefährlich steilen Grand’ Rue in Genf zu gelangen, ein Fahrrad? Sollte er den Baedeker und seine einschlägigen Empfehlungen deshalb konsultiert haben, so konnte ihn die Lektüre nur entmutigt haben. Vom Gebrauch nachschleifender Baumteile für die Abfahrt von Steilstrecken wurde da, weil in der Schweiz als Bremsmittel generell verboten, strikt abgeraten. Ideologisches und Sparsamkeit konnten Lenin daran gehindert haben, Baedekers Rat anzunehmen, sich bergan das Rad von Jungen schieben zu lassen oder sich eines Pferdes zu bedienen, das die Fahrräder gleich im aneinandergefädelten Dutzend bergauf zog. Zudem war konspirative Unauffälligkeit geboten, die im Kanton Genf mit der dort vorgeschriebenen ständig läutenden Glocke am Rad nun wirklich nicht zu bewahren war. Diese Kuhschelle konnte man sich im Wallis zwar abmontieren, hier jedoch mußte man jedesmal, wenn sich ein Pferd näherte, absteigen. Oder sogar, wenn der Gaul scheute und der Treiber es verlangte, die "Maschine" im Gebüsch verstecken.

Eine weitere Crux: Bei der Einreise war für jedes Fahrrad eine Kaution von zwölf helvetischen Franken zu hinterlegen – das Doppelte einer Übernachtung in Zürichs teuerstem Hotel! Und diese horrende Summe verfiel dann noch häufig, weil – so Baedeker – die Züge an der Grenze nie lang genug hielten, um die Kaution wieder einzukassieren. womit beiläufig einer der Pfeiler erklärt wäre, auf denen der Schweizer Wohlstand sich damals zögernd zu bilden begann.

Die Belgier waren Fahrradnarren vom Start weg. Sie müssen zudem die Erfinder der Höchstgeschwindigkeit für Radler gewesen sein. Nur für Belgien erwähnt Baedeker neun Stundenkilometer in der Stadt und 27 auf der Landstraße. Letzteres ist übrigens das Doppelte der Höchstgeschwindigkeit für Automobile im Deutschen Reich des Jahres 1911.

Andererseits war dies ein Wert, den einer durchhalten mußte, wenn er noch zu seinen eigenen Lebzeiten die Vereinigten Staaten zweifach durchqueren wollte. Offenbar waren dabei längere Unterbrechungen einzuplanen. Wie sonst ist die Baedekerliste amerikanischer Straf-, Besserungs- und Irrenanstalten zu erklären? Das Radwandern von Boston nach San Francisco scheint "trotz der schlechten Straßen" nichts Ungewöhnliches gewesen zu sein. "Für die Reise (in die USA) bringe man vor allem den Willen mit, sich in die Eigentümlichkeiten zu schicken." Zu jenen gehörte die seltsamerweise von Baedeker nicht erwähnte Notwendigkeit, das Rad noch über weitere Strecken Amerikas tragen zu müssen.

Wildwest fand der frühe Radwanderer nicht nur jenseits von Colorado und Oklahoma, sondern auch im europäischen Südosten. Auf dem Fleckerlteppich von Nationen, Sprachen, Religionen und Loyalitäten der Habsburger Monarchie begann das erste "Hinlangen" ebenfalls gleich an der Grenze. Fünfzig Goldmark, glatt das Zehnfache einer Übernachtung in Wiens Sacher-Hotel, waren pro Rad zu hinterlegen. Wiederauszahlung bei Ausreise, "vorausgesetzt, die ziemlich komplizierten Vorschriften hierfür werden alle erfüllt".

Der leicht zu überlesende Hinweis, die Dampfwalze sei – 1901 – noch wenig im Gebrauch, deutete die Martern an, die jetzt harrten. Die Straßen waren im Westen schlecht, sie wurden im Osten des Reiches immer schlechter. Das aber endete mitten in der heutigen Ukraine. Was die Straßenseite anbelangt, auf der man sich zu tummeln hatte, so mußte man sich bei einer Rundfahrt tunlichst folgendes einprägen: In Bayern herrschte noch Rechtsverkehr; in Salzburg bis Oberösterreich ging es links weiter; in Tirol rechts; Steiermark links; Kärnten rechts; Slowenien links und Dalmatien wieder rechts. Konnte ein Staat mit einem derartigen Regelwirrwarr überleben?