Aber er ist ein Kanzler auf Bewährung

Von Theo Sommer

Zum vierten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik haben wir heute einen Kanzler auf Abbruch – das ist der einzige Schluß, den das Bonner Theater der letzten Wochen zuläßt.

Beim ersten Mal stürzten die Demonteure das Standbild Konrad Adenauer, beim zweiten Mal drängten sie Ludwig Erhard aus dem Amt – und es waren stets die eigenen Parteifreunde, die das Abräumgeschäft besorgten. Willy Brandt ereilte 1973/74 das gleiche Schicksal; er wurde zermürbt von Herbert Wehner ("Der Herr da badet gern lau"), längst ehe er über Guillaume stolperte. In allen drei Fällen waren übrigens nicht bloß Ränke und Mißgunst im Spiel. Die Frondeure stießen, was ohnehin im Fallen war: den greisen Adenauer, der nach vierzehn Jahren Kanzlerschaft die Zeichen der Zeit, nicht mehr zu lesen verstand; den entscheidungsschwachen Erhard, der im Palais Schaumburg den Ruhm seiner früheren Tage vertat; und Brandt, dem die Unlust am Regieren immer deutlicher ins Gesicht geschrieben stand.

Ähnlich ergeht es jetzt Helmut Kohl. Was wir derzeit erleben, ist ja keine Koalitionskrise, auch nicht eine der üblichen Krisen zwischen der CDU und ihrer bayerischen Schwesterpartei. In Wahrheit steckt Bonn in einer schweren Führungskrise, genauer: in einer Kanzlerkrise.

Als Kohl im Oktober 1982 sein Amt antrat, galt er selbst vielen Unionspolitikern als Kanzler auf Bewährung, nicht nur dem CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, der mit seinen Zweifeln an der Führungsbefähigung des Pfälzers nie hinter dem Berge gehalten hatte. Seitdem hat der Bundeskanzler wenig getan, um die Skepsis zu entkräften. Er setzte die vorgezogenen Wahlen durch und gewann sie mit Aplomb – aber dann zerrann ihm der Sieg wie Sand zwischen den Fingern.

Die Wende blieb weiterhin eine rhetorische Floskel; jedenfalls verdichtete sie sich nie zu jenem großen Wurf, den eine Mehrheit des Volkes erwartete und auch mitgemacht hätte. Und bald schon wurden die guten Vorsätze von dem Bemühen unterspült, doch lieber die eigene Kundschaft zu bedienen. Die Reform des Subventions-Unwesens blieb in Ankündigungen stecken; Flickschusterei bei den Etatkürzungen war Trumpf. Der Aufschwung der Wirtschaft läßt sich nicht leugnen, doch ist er in erster Linie auf die amerikanische Hochkonjunktur zurückzuführen, weniger auf das Handeln der Bonner Regierung.