Solche Schreie hört man sonst nicht mehr: dumpfe Laute aus dunklen Kehlen. Von tief unten, wo die Vorzeit begraben ist, schreit es herauf, und aus den Mündern unserer Theaterschauspieler dringt es bis zu uns ins Parkett. Es ist noch immer: Medeas Schrei. Er klingt besonders dumpf, wo er nicht hingehört.

In den Münchner Kammerspielen wirft Gisela Stein die Arme zum Himmel. Wir Theatergeher verstehen ihr Zeichen: "Oh Götter!" Dabei hätte sie nur "Mein Herbert" rufen sollen. In einem Stück von Achternbusch spielt sie Herberts Mutter. Wäre Frau Achternbusch statt Mutter Medea gewesen, würde Herbert jetzt nicht mehr leben. Oh Götter! Wo man solche Schreie hört, stirbt das Theater.

Es herrscht tiefe Finsternis. Auf einer schmalen Bühnenschräge läuft ein Mann hin und her. Er nimmt Anlauf, aber bald ist sein Lauf zu Ende. Die Bühne ist klein. Seine Schritte hallen, als hätte er Eisenplatten unter den Sohlen. So läuft er hin und her, hin und her, tapsig und abwesend. Es ist einer unserer großen Schauspieler, Hans-Michael Rehberg, der im Münchner Residenztheater John Gabriel Borkman spielt, einen Bankier aus einem Stück von Ibsen, inszeniert von Ingmar Bergman. Um Rehberg herum: bleiche, verwüstete Gesichter. Frau Borkman (Christine Buchegger), im dunklen Gewand, strickt an einem schwarzen Tuch. Plötzlich zuckt sie, windet sich wie eine Schlange, wirft den Kopf nach hinten. Alles für einen Satz. Sie schreit ihn wie Medea, dumpf und dunkel: "Das Leben ertrage ich nicht." Frau Buchegger schaudert, Bergman schaudert, wir schaudern. Düsen sterben. Bergmans letzte Münchner Inszenierung scheint überhaupt: die letzte Vorstellung.

Es herrscht tiefe Finsternis. Unter dem riesigen, schwarzen Gewölbe einer alten Gießerei in einem Nürnberger Vorort, neben den verrosteten Öfen: Müll, und ein Scheinwerfer davor, der an der Wand einen alten Schriftzug sichtbar macht. Ein Satz aus jener Zeit, als man vor bald hundert Jahren die Gießerei errichtet hat: "Kameraden, arbeitet..." Aber es sind keine Kameraden mehr da. Neben dem Müllhaufen an der Wand hängt ein schwarzer Theatervorhang. Der Weg durch die dunklen Hallen führt zu einer riesigen Stahlrohrtribüne, ins Theater, das "Theater des Todes". Der polnische Regisseur Tadeusz Kantor zeigte in Nürnberg nach "Die tote Klasse" und "Wielopole" seine neue Produktion: "Die Künstler sollen krepieren". In einem schäbigen Holzbett liegt ein Mann unaufhörlich im Koma. Eine Vision Kantors von sich selber. Wie Bergman ist auch Kantor schon ein alter Mann. Medeas Schreie aber verachtet er. Bald tritt eine Zwillingsfigur auf, die den Tod des sterbenden Mannes im schäbigen Holzbett zur Groteske macht. Für Kantor ist der Tod komisch, weil er vorgibt, das Ende zu sein. In Wirklichkeit ist er ein Anfang. Kantors Szenen mit den fahrbaren Holzkreuzen, einem barocken Pferdegerippe auf Rädern, schwankenden Soldaten und Tangomusik schlafen immer wieder ein und erwachen zu neuem Leben. Auf den Tod folgt die Auferstehung des Theaters. An unsere Düsen hat Kantor noch nie geglaubt. Es würde ihm Hoffnung machen, wenn ihr Geschrei verstummte. Aber im Theater schlagen die Gespenster noch immer ihre letzte Schlacht. Die Sieger kennen wir längst. Sie haben die alten Masken an einen Nagel in der Garderobe gehängt, die klassischen Lügen ein für allemal begraben. Medeas Schrei ist ihnen eine Aufgabe für Schausteller, Stimmenimitation, keine Kunst des Theaters. Es wird Nacht um die Tragödinnen von gestern.

Genau in diesem Moment tritt ein Tragöde auf, ein molliger Mensch und blond. Er erzählt dem ZDF für ein "Aspekte"-Special, daß das Theater am Ende sei. Merkwürdig daran ist, daß er nicht Bergmans Theater meint, sondern das Theater Tadeusz Kantors, das freie, alternative Theater, dem er gerade ein Festival organisiert hat: das siebte Internationale Festival des Freien Theaters in München. Eben hat Thomas Petz es noch gewollt: Gleich darauf hat er es verraten. Man sah ihn als Propheten des alten Theaters der Düsen, der Masken und der Lügen. Über der Festival-Wiese, wo das Squat-Theater aus New York, die brasilianische Theatergruppe "Macunaima" und Dario Fo gastierten: Medeas Schrei, Tod des Theaters.

Genau in diesem Moment tritt ein Bankier auf, nicht John Gabriel Borkman, sondern Karl Gerhard Schmidt. Er ist ein Mäzen, dem die Kunst kein Abschreibungsprojekt, sondern eine Leidenschaft ist. Der Bankier ist ein glühender Verehrer Kantors und hat ihm in Nürnberg "Das Theater des Todes" ermöglicht. Auferstehung.

Helmut Schödel