Silber aus Lehm", staunten die Pariser auf der Weltausstellung von 1855, als sie zum ersten Mal Aluminium sahen – ein neues Metall, das ein Franzose aus der roten Tonerde im südfranzösischen Les Baux extrahiert hatte. Bauxit nannte er den kostbaren Lehm, und Napoleon III. war so begeistert, daß er sofort das Gold- und Silberbesteck an seiner Tafel durch wertvolles Aluminium ersetzen ließ.

Die Zeiten haben sich geändert: Inzwischen ist das Metall nur noch einen Bruchteil von Gold und Silber wert, und die internationalen Konzerne, die heute Bauxit in Jamaika, Guyana, Brasilien, Guinea und anderen Entwicklungsländern abbauen, haben Probleme, ihre Ware als Sardinen- und Limonadenbüchsen loszuschlagen – selbst für nur vier Mark das Kilo. "Kein guter Kapitalist würde heute noch in Aluminium investieren", kommentiert das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune.

Die Aluminiumindustrie steckt in der Krise. Die großen Konzerne in den USA und Kanada, die in guten Zeiten fünf bis sechs Milliarden Dollar Jahresumsatz machten – etwa soviel wie Krupp oder Mannesmann –, produzieren auf Halde. Die Preise sind in den USA unter die Kosten gesackt, und die vier wichtigsten Lieferanten Alcoa, Reynolds und Kaiser in den USA und Alcan in Kanada investieren Millionenbeträge, um neue Verwendungsmöglichkeiten für ihr noch in den siebziger Jahren als Metall der Zukunft gepriesenes Produkt zu finden.

Als neuestes haben sie die deutsche Weißblechindustrie im Visier: Sie wollen den Stahlschmieden – genau wie in den USA – eine ihrer wenigen profitablen Sparten abjagen: das Geschäft mit der Bier- und Limonadendose. In den Vorstandsetagen von Thyssen, Hoesch und Otto Wolff herrscht Alarm.

Denn schon grübeln die Aluminiummanager von Alcan, dem französischen Staatskonzern Per chiney und den deutschen Vereinigten Aluminium-Werken (VAW) über ihrem ersten Strategiepapier: Presse informieren, Getränkehersteller aufsuchen, Innenminister Zimmermann überzeugen, Recycling-Zentren aufmachen, heißt es da als wichtigste Aktivitäten. Bonns oberster Umweltschützer wettert zwar kräftig gegen die Aluminiumoffensive der bundeseigenen VAW, denn er möchte am liebsten gar keine Ex-und-hopp-Dosen im Müll haben – und wenn, nur Weißblech aus Stahl und Zinn, das sich mit dem Magneten aussortieren und wiederverwerten läßt.

Doch die Aluminiumbosse, geplagt von künftigen Absatzsorgen, sind zum Kampf fest entschlossen. Noch vor zwanzig Jahren hätten sie sich nicht träumen lassen, daß sie sich einmal in so niedere Gefilde wie den deutschen Bierdosenmark begeben müßten. Damals galt ihr silbriges Metall als interessantester Werkstoff der Neuzeit: Lastwagen, Zahnpastatuben, Baugerüste, Fässer und Türen – alles ließ sich aus dem leichten, rostfreien Stoff fertigen. Die Rohstoffmanager schwärmten von leichten, benzinsparenden Autos, nahezu ganz aus Aluminium, vom Großeinsatz in Flugzeugen und Eisenbahnwagen und vom Milliardengescnäft mit Aludächern, Fensterrahmen und elegant glänzenden Hochhausverkleidungen.

Aluminium war auf dem Weg, das Holz aus der Bauindustrie, das Kupfer aus der Kabelherstellung und den schweren, altmodischen Stahl aus dem Verkehrssektor zu drängen. Wachstumsraten von jährlich acht Prozent, so wie sie in den sechziger und siebziger Jahren für den Aluminiumverbrauch üblich waren, wurden bis weit in die neunziger Jahre prophezeit.