Regenbogen statt Nadelstreifen – Seite 1

Von Rainer Frenkel

Das Wort eines Chefredakteurs hat Gewicht. Ausgesprochen für die Öffentlichkeit darf das Publikum Programmatisches aus ihm hören.

Das Wort stand in der Welt und beschrieb eine journalistische Konzeption: "Wir hatten an einem Tag Gloria Gaynor und am nächsten die Hamburger Cembalo-Spieler mit Bach. Zwar ist die Gaynor erkennbar jünger als Bach. Aber das ist für uns auch der einzige Unterschied."

Das ist die Sprache von Armin Halle, dem Chefredakteur von APF Blick. APF heißt Aktuell Presse-Fernsehen. Blick ist die dreimal täglich ausgestrahlte Nachrichtensendung des privaten Satelliten-Fernsehprogramms Sat 1, an dem zehn Konsorten beteiligt sind. Einer von ihnen ist APF, seinerseits getragen von 165 Zeitungsverlagen.

Der Anspruch, den Armin Halle und mit ihm sein Stellvertreter Karl-Ulrich Kuhlo vor sich hertragen, ist leicht verständlich und darum keineswegs verwerflich: Nachrichten sollen nicht allein negative Grundstimmungen verbreiten, gar schaffen. Positives, fröhliches erst recht, soll nicht ausgesperrt bleiben. Buntes auch nicht. Wiederum soll staatsmännisch Nadelgestreiftes an Bedeutung verlieren. Wer empfände für derlei nicht Sympathie angesichts des täglichen Verlautbarungs-Journalismus der Köpcke und Co, der sich ausnimmt wie mit höheren Weihen versehen.

Was hat der Anspruch mit der Wirklichkeit gemein? Nach fünf Tagen vergleichender Beobachtung (siehe auch ZEIT Nr. 24) läßt sich sagen: Sehr viel, jedenfalls dann, wenn der Anspruch richtig verstanden worden ist. Nämlich so: Statt Nadelstreifen Regenbogen.

Auf den ersten Blick, in des Wortes nun doppelter Bedeutung, ist verblüffend, daß die Nachrichtenauswahl mit der von ZDF und ARD durchaus vergleichbar ist. Und dies an Tagen, die nur wenige Muß-Stoffe hatten. Während sich aber ARD und ZDF sogar in der Gewichtung einig sind (siehe Tabelle), ausführlich mit eigenen Filmen und Kommentaren aufwarten (wobei die Tagesschau immer um ein paar Grad kompetenter wirkt als heute), sind die Blick-Sendungen, genau betrachtet, gar keine wirklichen Nachrichtensendungen.

Regenbogen statt Nadelstreifen – Seite 2

Die einzelnen Meldungen sind zwar alle da, beanspruchen jedoch nur Sekunden. Sie füllen einige wenige Freiräume zwischen bunten Sketches, Wetter, Tips und Quiz. Sie sind, wenn überhaupt, höchst spärlich bebildert, zumeist mit Standphotos oder Konserven. Der Zuschauer nimmt während einer Nachrichtensendung nicht teil an dem, was geschieht, sondern an dem, was in einem Studio zusammengemixt wird. Die Welt verengt sich in die künstliche Inszenierung.

Machen die APF-Strategen hier aus der Not eine Tugend? Sie haben – außer in Bonn und Berlin – keine Korrespondenten und kommen an viel ausländisches Material nicht heran (Sat 1 gehört der Europäischen Rundfunk-Union nicht an). Oder: Ist dies gewollt?

Die Beobachtungen an jenen fünf Tagen und Armin Halles Selbstzufriedenheit erlauben nur einen Schluß: Sie wollen, was sie tun – auch wenn’s manchmal noch handwerklich ziemlich danebengeht. Hier geschieht, was der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman, ein radikaler Pessimist, so schildert: Das Fernsehen "bietet eine Form des öffentlichen Diskurses an, durch die alles erreichbar, simplistisch, konkret und vor allem unterhaltsam ist". Oder vorgibt, es zu sein.

Ob es nun um Agrarpreise geht, die Sikhs in Indien oder die Tarifgespräche im Einzelhandel von Nordrhein-Westfalen – die klassische Nachricht kommt vor, jedoch in Form einer gesprochenen Schlagzeile – fast ohne Hintergrund, mit allenfalls läppischem Kommentar. Zeit aber ist da für den Beruf der Schleusenwärterin oder den sogenannten "Fritten-Motor", ein Auto, das mit gebrauchtem Fett fährt. Oder Musik. Oder Sport. Oder Wetter. Jedenfalls Show.

Und eine Show, das ist bekannt, ist eine Show nur, wenn sie fröhlich ist, etwa so: "Was machen wir jetzt? Wasserball. Huch, wer hat meine Gummistiefel geklaut?" Oder so: "Was da hinter mir kracht, ist ein Motorrad, nicht der Bote." Oder so: "Computer, was die alles können." Oder so (nach einem Interview mit VW-Chef Carl H. Hahn): "Nach der Sonne über VW nun zur Sonne im Wetter." Oder so: "Die Bundeswehr kommt ohne Mädchen nicht mehr aus – wer kann das schon."

Auf die Gefahr hin, als humorlos zu gelten: Das ist nicht lustig. Das ist traurig. Da kommt nicht Freude auf, sondern Mitleid für die Erscheinung auf dem Bildschirm, die auf der verzweifelten Suche nach Fröhlichkeit und Lockerheit nur noch Krampf versprudelt.

Dabei ereignen sich fast zwangsläufig Pannen: Im Nachrichtenblock wird eine Meldung über Agrarpreise verlesen, ein paar Minuten später, brandneu ins Haus geflattert, wird sie in aufgeregtem Ton noch einmal vorgetragen. In anderen Worten, allerdings. Nicht verstanden, aber locker und spontan geblieben.

Regenbogen statt Nadelstreifen – Seite 3

Dazu noch einmal Armin Halle in der Welt: "Ich finde es schlimm, wie eine leichte, lockere Art – wie wir sie haben – von vornherein als suspekt, nicht ernsthaft und als journalistisch nicht kompetent angesehen wird."

Zu Recht mokiert er sich über die Hofberichterstattung und lahmen Interviews der Öffentlich-Rechtlichen, aber wie nennt er diese Technik eines APF-Kollegen, der den SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz fragt: "Wie steht die SPD zu Amerika und zur Sowjetunion?"

Dreimal am Abend flimmert Blick über den Schirm. Um halb sieben für eine Viertelstunde, um halb zehn für eine Dreiviertelstunde und noch einmal – gegen Mitternacht oder später – zum Sendeschluß. Hauptspielort ist, was auch geschieht, das Studio; das Mix-Konzept ist immer das gleiche, wird für die lange Sendung sogar regelrecht ausgewiesen: Die erste Viertelstunde heißt "Blick Aktuell" (Nachrichten, aber auch schon Buntes); die zweite "Rundblick" (Buntes, Kultur, vor allem Show); die dritte "Sportblick" (Sport und Wetter). Man darf unterstellen, daß diese Dreiviertelstunde so geteilt ist, um Werbung einstreuen zu können – wenn sie mal kommt.

Ausgabe für Ausgabe ähnelt Blick einer elektronischen Boulevardzeitung. Nachrichten von Bedeutung werden nicht unterschlagen, aber gewissermaßen nebenher mitgeführt. Groß ins Bild wird nur das gerückt, von dem die Redakteure meinen, es sei für den Zuschauer und dessen Unterhaltungsbedürfnis attraktiv, politisches Gewicht ist – wenn überhaupt – von untergeordneter Bedeutung.

So wird das Bild von einer Welt inszeniert, wie sie nach Mutmaßungen der Macher in den Augen von Lieschen Müller widerleuchtet. Und das ist natürlich nur im Studio möglich, nicht an den wirklichen Schauplätzen.

Diesen Schritt haben ARD und ZDF, die ja auch einen gefährlichen Drang in die heile Welt verspüren, noch nicht getan. Und was immer ändernswert wäre: Diesen Schritt in die Gegenaufklärung werden sie hoffentlich nicht tun.

Dabei ist die Studio-Welt von Blick noch nicht einmal wirklich pervers. Sie ist ja nur eine Vortäuschung. Die amerikanische Fernsehentwicklung zeigt, daß in den USA bereits die Wirklichkeit beginnt, sich fürs Fernsehen einzurichten. Gegen das Medium kann dort wohl niemand mehr Präsident werden. Und Bergen-Belsen wurde Station auf Reagans Deutschlandbesuch, weil es das fernsehtauglichste ehemalige Konzentrationslager war.