Wie ein Märchenschloß liegt Gangtok über dem Wolkenmeer, das sich langsam aus dem Tal emporarbeitet. Noch aber ist der Blick auf die fünf Gipfel des Kanchenjunga-Massivs unverstellt. In harmonischer Schönheit präsentieren sich die schnee- und eisbedeckten Berge, in denen nach dem Glauben der Sikkimer die Götter wohnen. Es ist sehr früh am Morgen, aber die Wolken ergreifen nach und nach von der Hauptstadt Sikkims Besitz, füllen die Gassen mit Nebel, und bald ist es vorbei mit der herrlichen Aussicht.

Gangtok, 15 000 Einwohner groß und Sitz einer mittlerweile machtlosen Provinzregierung, zeigt ein eigentümliches Bild: Auch bei modernen Gebäuden versucht man tibetisch-lamaistische Stilelemente zu integrieren. Überall sprießen Beton- und Ziegelbauten empor, die, obwohl sechs oder sieben Stockwerke hoch, beängstigend schmal sind. Die oberen Eugen haben dabei meist eine größere Grundfläche als die darunter liegenden, was den Gebäuden ein pilzförmiges Aussehen verleiht und den Eindruck der Baufälligkeit noch erhöht. Gemauert wird zumeist in Etappen. Immer wenn genügend Geld für ein Stockwerk angespart ist, wird noch eines draufgesetzt. Mit der Statik nimmt man es dabei nicht so genau.

Die Vegetation in der kleinen Himalayastadt ist üppig. Weihnachtssterne erreichen Baumesstärke, und Hunderte von Orchideenarten sprießen wie Unkraut. Vor dem Hintergrund der schneebedeckten Gipfel leuchten die Farben der tropischen Gewächse noch intensiver. Das ehemalige Königreich, zwischen den beiden Himalayastaaten Nepal und Bhutan eingeklemmt, ist dreimal so groß wie das Saarland und an Gegensätze gewöhnt. Angeblich gibt es keinen Kilometer ebenen Bodens, und die Höhenunterschiede sollen nirgendwo so kraß ausfallen wie hier. Über den fruchtbaren Reistälern, die nur wenig über Meereshöhe liegen, ragen die Achttausender gewaltig auf.

Auch die ethnischen Gegensätze sind groß. Neben den als äußerst friedliebend bezeichneten Ureinwohnern, den Lepchas, sind inzwischen auch die aus Tibet eingereisten Bhutaner zu einer Minderheit geworden, da die Nepalesen in derart großen Zahlen in das wildromantische Bergland einwanderten, daß sie heute mehr als 60 Prozent der sikkimesischen Bevölkerung ausmachen.

Die Geschichte des kleinsten aller Himalayastaaten läßt sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Immer war er als Pufferstaat zwischen Nepal und Bhutan in einer schwierigen politischen Situation. Dabei kommt dem Land als Brücke zwischen Indien und Tibet besondere Bedeutung zu. Jahrhundertelang haben die Karawanen aus China und Lhasa über die sikkimischen Pässe ihren Weg in die bengalische Tiefebene genommen. Auch die indische Regierung war sich der strategischen Lage Sikkims wohl bewußt, als sie das Königreich vor zehn Jahren unter umstrittenen Umständen als 22. Bundesstaat einverleibte.

Heute ist Sikkim ein besetztes Land. Überall während unserer Reise sind wir auf indisches Militär gestoßen. Andererseits läßt sich Indien die Entwicklung seines jüngsten Bundesstaates auch etwas kosten. Bei der Fahrt durch das grandiose Tistatal fallen die unzähligen neuen Brücken auf, die Straße nach Gangtok wird verbreitert und ausgebaut. In Gangtok selbst herrscht eine rege Bautätigkeit und vermittelt den Eindruck eines aufstrebenden Städtchens. Sogar eine Kläranlage steht kurz vor der Fertigstellung. Zwar verfügt Gangtok bisher nur über ein kärgliches Kanalisationsnetz, doch ein Anfang ist gemacht.

Beherrscht wird das Land trotz allem nicht von Delhi, die Macht liegt vielmehr in den 67 Lama-Klöstern des Landes. Die Lamas bieten nicht nur Rat in religiösen Dingen an, sie sind auch Helfer für die Nöte der profanen Welt, oft wirken sie als Priester, Ärzte und Lehrer zugleich.