Der Gipfelsturm der deutschen Aktienkurse ist kaum noch zu bremsen. "Wer zu früh ausgestiegen ist, um Gewinne mitzunehmen", so sagt in diesen Tagen ein amtlicher Kursmakler, "dem kribbelt es in den Fingern, und er steigt schnell wieder ein." Diese Woche hat es besonders deutlich gemacht. Waren vorher die Käufe vor allem ausländischer Anleger noch weit größer gewesen als die massiven Gewinnmitnahmen, so daß die Kurse dennoch weiter gestiegen sind, so setzte am Montag unerwartet urplötzlich die absolute Flaute ein. Die ausländischen Käufer waren vom Markt verschwunden. Allenthalben Unsicherheit, und die Kurse sackten ab.

Einen Tag später war aber alles wieder vergessen. Die Kursdelle wurde mehr als nur ausgebügelt. Wer Geld flüssig, hatte, kaufte Aktien. Das kennzeichnet die gegenwärtige Konstellation an den deutschen Wertpapierbörsen. Und die schnelle Rückkehr auf die Hausse-Straße scheint auch zu zeigen, daß man der jüngsten Zinserhöhungstendenz in den USA kein allzu langes Leben gibt.

Und selbst wenn in den USA ein paar Zehntelprozentpunkte mehr Rendite als noch vor kurzem locken sollten, ist internationalen Anlegern der deutsche Aktienmarkt offensichtlich aussichtsreicher und reizvoller. Neben den Auswirkungen hervorragender Unternehmenszahlen auf die Börsenkurse winken hier zusätzliche Währungsgewinne.

Die Zugpferde wechseln. Nach Commerzbank und VW wurde es BMW aufgrund der günstigen Prognosen über die Gewinnentwicklung und wegen der guten Geschäftslage im Ausland, wobei man gern gewisse Probleme am deutschen Markt vergißt. Jedenfalls wird im Vergleich zum doppelt so hohen Daimler-Benz-Kurs ein gewisser Nachholbedarf gesehen.

Wie willig die Börse Anregungen aufnimmt, zeigt sich im Ansturm der Anleger auf das Bezugsrecht für Commerzbank-Genußscheine. Dieses Bezugsrecht, rechnerisch gut 1,70 wert, ist schon am ersten Tag mit 2,75 Mark um rund eine Mark höher gehandelt worden. Es war rar, weil die meisten Commerzbank-Aktionäre sich die Chance nicht entgehen lassen wollten, so attraktiv ausgestattete Genußscheine (8,25 Prozent feste Grundverzinsung plus die halbe Dividende, die über den heutigen Dividendensatz sechs Mark je Aktie hinausgeht) zu erwerben und davon Erträge zu genießen – höhere jedenfalls, als sonst am Markt zu erzielen sind.

Der deutsche Aktienmarkt ist zweigeteilt. Einmal sind da die internationalen Spitzenwerte, deren Kurs mit den Kauf-, Nichtkauf- oder Verkaufsentscheidungen ausländischer Anleger stehen und fallen. In diesem Bereich kommt es darauf an, herauszufinden, welches Papier die Ausländer wohl als nächstes "anfassen" werden – wie zuletzt eben BMW. Der zweite Marktanteil, der vorwiegend von den deutschen Anlegern beachteten Papiere ist ein Mitläufermarkt. Wenn die Ausländer kaufen und die Kurse der Spitzenwerte hochziehen, geht es darum herauszufinden, auf welche Werte findige inländische Käufer demnächst wohl kommen werden. Das ist ein ungleich schwierigeres Anlagefeld, weil hier die Entwicklung sehr viel kleinerer Unternehmen beobachtet werden muß.

"Der Rentenmarkt ist out, alle Welt sieht nur noch die Aktien", resignierte in dieser Woche ein Rentenmakler. Tatsächlich sind freundlichere Kurse der Festverzinslichen zur Zeit so selten wie an den Aktienmärkten die Konsolidierungspausen. Und selbst von diesen Pausen kann der Anleihemarkt nicht profitieren, denn Rentenwerte kauft man nicht für ein paar Tage. So krebsen die festverzinslichen Wertpapiere weiter – mit kleinen und kleinsten Kursänderungen nach oben und unten. ITS