Von Reiner Klingholz

Panikmache" warfen die Kritiker dem Deutschen Alpenverein vor, als er unlängst sogenannte Katastrophenkarten für den bayrischen Alpenbereich veröffentlicht hatte. Die Studie sagt als Folge des um sich greifenden Waldsterbens im Hochgebirge Überschwemmungen, Lawinen und Geröllabgänge voraus – und damit letztlich eine unmittelbare Lebensgefahr für die Bergbevölkerung. Auf den präzisen Karten konnte ein jeder nachforschen, wo es demnächst im Bayernland ökologisch abwärts gehen könnte. Eher durch Zufall wies einer der Gefahrenpfeile direkt auf den Hof des Immenstadter Bergbauern Walter Molt.

Als dann am Abend des Himmelfahrtstages ein dreieinhalbstündiger Starkregen rund um den Allgäuer Alpsee herunterprasselte, erfüllten sich exakt die düsteren Prognosen des DAV: Eine ein Meter hohe Flutwelle schoß mit einer derartigen Macht direkt durch Molts Hof, daß der Bauer eiligst seine Schafe mit Seilen aus dem Stall bergen mußte. Die Niederschläge verwandelten die tonigen Mergelschichten an den Steilhängen in eine breiige Rutschbahn, ließen sanfte Mulden zu Wildbächen anschwellen, trieben Berge von Geröll durch den Wald und über die Felder und verschütteten Teile der Deutschen Alpenstraße. Die Sturzbäche unterspülten die Schienen der Bahnlinie und rissen das mächtige Betonfundament der Brücke bei Unterwilhams in die Tiefe.

Inwieweit die Katastrophe direkt mit den Waldschäden zusammenhängt, weiß freilich keiner. "Immerhin ein Denkanstoß, damit sich die Leute endlich einmal vorstellen können, wie es vielleicht weitergeht", meint der zuständige Forstdirektor August Erhard von der Oberforstdirektion Augsburg. Auch Walter Molt ist klar, daß ein Unwetter per se ein Naturereignis ist. Aber er kann sich an keinen Gewitterregen in der Vergangenheit erinnern, der ähnliche Erosionen ausgelöst hätte. Und er sieht rings um seinen Hof "Bäume sämtlicher Arten absterben".

Jetzt begnügt sich der DAV nicht länger mit Katastrophen Warnungen: Anfang Juni legte der Verein ein Aktionskonzept zum Schutz des Gebirgswaldes vor. Georg Meister, Hochgebirgs-Forstbeamter in Bad Reichenhall, versucht mit einer "Übergangsstrategie" den DAV-Mitgliedern klarzumachen (und ganz offensichtlich auch der bayrischen Forstverwaltung), wie sich trotz des Waldsterbens vorübergehend ein "Ersatzschutzwald" erhalten ließe.

Ein idealer Lawinenschutzwald bremst herabrollende Steine sowie Schneemassen durch einen dichten Bewuchs und saugt einen Teil des Regens wie ein Schwamm in Humus und Boden auf. Wichtig ist dabei ein "verzahnter" Wald, in dem unter dem Schirm der alten Bäume gleichzeitig Bäume aller Altersklassen heranwachsen. An lichten Stellen – etwa nach einem Sturmwurf oder in Lawinenschneisen – müssen schnell wachsende, aber holzwirtschaftlich unbedeutende "Pioniergehölze" wie Haselnuß, Weide, Felsenbirne, Vogel- oder Mehlbeere vorübergehend die Funktion der Bäume übernehmen.

Doch heute reißt das Waldsterben vermehrt kleinere Lücken in den dichten Bestand. Diese Blößen sind Ausgangspunkte für zunächst harmlose "Waldinnenlawinen", die sich aber schnell zu echten Lawinen summieren können. Meister schlägt daher vor, die absterbenden Bäume nicht wirtschaftlich zu nutzen, sondern in Brusthöhe abzusägen und die Stämme quer zum Hang zwischen zwei noch erhaltenen Bäumen als natürlichen Verhau liegenzulassen. Bevor das Altholz dann vermodert ist, können neu gepflanzte Bäume den Berg befestigen, bevor er "ins Laufen kommt". Bislang scheuen sich viele Forstverwaltungen, verkaufsfähiges Holz im Wald verfaulen zu lassen. Hier sei, so meint der DAV, ein Umdenken von der Nutzholz- zur Schutzholzwertung notwendig. Auf keinen Fall sollten die Förster und Walabesitzer in Steillagen ‚noch einigermaßen, lebensfähige Bäume einschlagen – es sei denn, um im Einzelfall nachwachsenden Jungbäumen Licht zu schaffen.