Von Gerhard Spörl

"Die ganze Welt / bemüht sich meine Last zu werden. / Von außen drängt mich Haß und Wut, / Von innen Angst und Blut, / und dieses soll kein Ende nehmen."

Johann Christian Günther (1695-1723)

Die Lebensgeschichte des schlesischen Lyrikers Johann Christian Günther, seine hoffnungsvollen Anfänge und sein Ende in Not und Elend, erzählte Der Schlesier jüngst als Roman in mehreren Fortsetzungen. Wie von selbst gerät das barocke Poetenschicksal zur politischen Parabel. So zerrissen von übermächtiger Sehnsucht nach der Heimat, so unverstanden wie Günther – Goethe spricht abfällig von dessen "unfertigem Betragen" – sollen sich alle heimatvertriebenen Schlesier fühlen. Das ist die Botschaft, die Der Schlesier seinen Lesern anempfiehlt.

Manches liest sich wie ein Aufruf zum letzten Gefecht. Herbert Hupka, auf Seite eins, fett gedruckt: "Noch ist Deutschland nicht verloren!" Die Vertriebenenfunktionäre sind alt geworden. Ihr wirklicher Einfluß in der Union ist gering. Der Schlesier erreicht noch zwanzigtausend der vermutlich dreihunderttausend registrierten Vertriebenen aus Schlesien. Wieviele Abonnenten so denken, wie ihr Blatt schreibt, ist ungewiß. Viele mögen sich damit begnügen, daß Der Schlesier die Erinnerungen an Breslau, seine Sagen und seine Mundart ("Is glicke vom Lumpabolle") wachhält. Sie begnügen sich mit den Erinnerungen an eine versunkene Welt.

Der Verdacht, daß die eigene Sache unwiederbringlich verloren ist, läßt auch die Leitartikler und Kolumnisten nicht ruhen. Herbert Hupka kleidet ihn in die Sentenz: Die Schlesier würden jetzt, von einer konservativen Regierung, "zum zweitenmal vertrieben"! Hupka und die Seinen wittern noch Erniedrigung, wo distanziertes Wohlwollen waltet. Die wahre Unions-Meinung vermuten sie in einer glaubhaften Kolportage aus deren Führungszirkel. Bei der schlesischen Landsmannschaft, so schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Der Schlesier druckte es nach, "hat sich eine Gruppe herausgebildet, die von führenden CDU-Politikern als zwar nicht faschistisch, wohl aber rechtsextrem eingestuft wird".

Treffender ist diese Lesart: Unter den Funktionären der schlesischen Landsmannschaft herrscht überaus deutschnationale Gesinnung und Mentalität vor. Im Schlesier findet die These von der deutschen Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg kein Gehör. Da war doch vorher Versailles und den Deutschen ist übel mitgespielt worden. Es fehlt das Wort vom "Schandfrieden", aber auch so ist klar, daß kein Unterschied zwischen 1918 und 1945 sein soll. Die Alliierten haben beide Male, so liest sich das, bitteres Unrecht über die Deutschen gebracht. Auschwitz ist nichts als eine polnische Stadt hart an der Grenze zu Ost-Oberschlesien. Warum der Zweite Weltkrieg verlorenging und welche Folgen er hatte, verliert sich folgerichtig etwa im Landserstil der "Erinnerungen an die Festung Breslau". Darin lebt das Herrentum fort und Deutsche dürfen in aller Unschuld Polen und Russen als minderwertig verachten.