Von Michi Strausfeld

Allmählich spricht es sich herum: Ramón del Valle-Inclan (1866-1936), Romancier, Bohemien, Dramaturg, Exzentriker und Dichter, zählt zu den aufregenden Literaten dieses Jahrhunderts. Jedes weitere Werk, das (endlich!) in Deutschland publiziert wird, sorgt für Überraschungen. Langsam breitet sich das schillernde Spektrum seiner Themen und Stile vor uns aus, obgleich die Freude über eine gelungene Theaterinszenierung zu den Seltenheiten in Deutschland zählt – vermutlich auch deshalb, weil sie außergewöhnliche Anforderungen an die Phantasie des Regisseurs stellt. Als Faustregel gilt: Valle-Inclan gewinnt immer, seine Texte sind stets besser als die Aufführungen, jedes Buch ein Treffer.

In dem Roman "Tyrann Banderas" entwickelte Valle den Prototypen des lateinamerikanischen Diktators, den rund fünfzig Jahre später Garcia Márquez, Roa Bastos und Carpentier unter jeweils neuen Vorzeichen zu neuem Leben und Taten er-

Ramön del Valle-Inclan: "Barbarische Komödien" – "Dramatische Trilogie" – "Silbergesicht" – "Wappenadler" – "Wolfsballade", aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang; Klett-Cotta, Stuttgart, 1984; 505 S., 85,– DM.

weckten. In den"Sonaten" – von denen bislang "Frühling" und "Winter" vorliegen, und die kuriose Reihenfolge ist einzig der Exzentrizität der Erben anzulasten – greift er Episoden aus dem Leben des Marques de Bradomin auf. Dieser hatte in "liebenswürdigen Memoiren" einige seiner großen Amouren aufgezeichnet. Valle sagt von ihm: "Ein wunderbarer Don Juan. Der wunderbarste vielleicht von allen! Er war häßlich, katholisch und empfindsam." Hinzuzufügen wäre: und ein unverbesserlicher Romantiker, wie auch Valle-Inclan, der sich gern als alter ego des Marques sah und viele persönliche Erfahrungen in diese "Sonaten" – in ausziselierter Prosa verfaßt – einfließen ließ.

Ein guter Freund des Marques, Don Juan Manuel Montenegro, ist Protagonist der Trilogie "Barbarische Komödien", die Fritz Vogelgsang blendend übersetzt hat (und die soeben mit dem Spanischen Nationalpreis für Übersetzungen in fremde Sprachen ausgezeichnet wurde). Die Bezeichnung "Dramatischer Roman" wäre übrigens ebenso treffend, da diese "Dramen" gelesen werden können wie ein Prosawerk.

Don Juan Manuel, aus jahrhundertealtem Adelsgeschlecht, ist ebenfalls ein Don Juan, ein Draufgänger und wilder Geselle, der keine Obrigkeit akzeptiert. Was er macht, ist recht – auch wenn er Gesetze bricht und Bannsprüche der Pfaffen auf sich zieht – solange es ihm selber so gefällt. Seine Gattin, Doña Maria, lebt seit langem auf einem anderen Gut, um die vielen Nebenbuhlerinnen nicht im eigenen Haus dulden zu müssen. Die fünf legitimen Söhne wohnen beim Vater und ahmen diesen im ungezügelten Treiben nach. Auch ein Patenkind lebt auf dem Anwesen, Sabelita, in die sich der Lieblingssohn "Silbergesicht" verliebt hat. Aber der Vater hat ebenfalls ein begehrliches Auge auf das junge und in ihn verliebte Mädchen geworfen und macht sie zu seiner Kebse. Blind vor Eifersucht stürmt Silbergesicht fort und sucht Trost bei Dirnen, im Alkohol und im unsteten Herumziehen.