Die totale Paralyse der Germanistik in den 80er Jahren

Von Joachim Dyck

Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot": Mißt man die Vitalität der Germanistik an diesem Vers Gottfried Benns, dann war sie vor fünfzehn Jahren, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, noch quicklebendig. Die Debatte über die Lage des Faches beherrschte – auch weil die Germanistik stellvertretend für die Geisteswissenschaften insgesamt herhalten mußte – die philosophischen Fakultäten, so daß Herbert Heckmann behaupten konnte, es gehöre "nachgerade zum Repertoire der Festreden, sich mit der Krise der Germanistik zu beschäftigen".

Bei Institutsbesetzungen und Vorlesungssprengungen, bei Vollversammlungen, Podiumsdiskussionen und teach-ins war man mit dem kritischen Wort nicht zimperlich: Zwischenrufe, Sprechchöre, Schmähreden gehörten zur Kultur der Auseinandersetzungen um die zukünftigen Inhalte und Organisationsformen der Wissenschaft von der deutschen Literatur. "Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot": Diese Kampfparole gegen die "inhumane Praxis einer bürgerlichen Wissenschaft" (Völker) ließ manchem Ordinarius das durch die Langweiligkeit der werkimmanenten Interpretation ohnehin dickflüssig gewordene Blut in den Adern erstarren.

Von radikalen Studenten gejagt, von konservativen Professoren geschützt, von halbherzigen Assistenten verteidigt, wußte die herrschende Germanistik nicht mehr, ob sie, wie weiland 1933, mitmachen oder in die innere Emigration gehen sollte. "Die Erinnerung an die Vergangenheit und die Erfahrung der Gegenwart der Germanistik", so schrieb Michael Pehlke 1970, "legitimieren die revoltierenden Studenten zu einem vernichtenden Urteil über die Zukunft des Faches, das als Strafmaß nur zwei Alternativen zuläßt: Abschaffung oder Umfunktionierung".

Für die Abschaffung plädierte außer den Studenten niemand, für die Veränderung machte sich eine Phalanx von fortschrittlichen Professoren und Assistenten stark, die eine ungeahnte Zukunft des Fachs als einer soziologischen Großdisziplin und des kritischen Gewissens der Nation heraufziehen sahen. Der damalige Berliner Ordinarius Eberhard Lämmert forderte die Kollegen auf, "die Entmythologisierung des Dichtens mit behutsamer Konsequenz voranzutreiben" und sah schöne Aufgaben auf das Fach zukommen: "Wenn einmal die Frage nach der Funktion verschiedener Literaturgattungen unbefangen auch in die Grundlagenforschung neu aufgenommen ist, kann die Literaturwissenschaft nicht nur zur Ausübung verschiedener Schriftstellerberufe weit nachdrücklicher als bisher vorbilden, sondern in gleicher Weise auch zur Kunst der geselligen wie der forensischen Rede dringend Notwendiges beitragen".

Verändern wollten auch die pragmatischen Problemlöser. Sie schmiedeten "Neue Programme für Sprache und Literatur", in denen die "Textkonsti-Sprache zum zentralen Gegenstand der Literaturwissenschaft werden sollte (Iser), sie machten der akademischen Öffentlichkeit und den Kultusministern die Linguistik als "semiotische Kultusminigie" (Weinrich) schmackhaft und wünschten sich, darin ganz einig mit den neuen Vertretern einer marxistischen Literaturwissenschaft, Interdisziplinarität: "Der Germanist muß mit Wirtschafts-, Gesellschafts-, Geschichtswissenschaftlern, sowie mit Sozialpsychologen und schließlich Komparatisten Arbeitsteams bilden" (Gansberg/Völker): Der Vision von Weite, Vielfalt und gesellschaftlicher Größe schienen zu Zeiten der "unermüdlichen Reformrhetorik" (Habermas) keine Grenzen gesetzt.