Bei den ungarischen Parlamentswahlen kandidierten zum erstenmal seit Beginn der kommunistischen Herrschaft mindestens zwei Bewerber für jedes Mandat. 25 der 300 neuen Abgeordneten setzten sich als Alternative gegen die Kandidaten der regierungstreuen Organisationen durch.

Sieben Millionen Ungarn waren aufgerufen, ihre Parlamentsabgeordneten, Bezirks-, Stadt- und Gemeinderäte zu wählen – erstmals nach einem neuen Wahlgesetz, das vor zwei Jahren in Kraft getreten war. In jedem der über 300 Wahlkreise zur – einflußlosen – Wahlversammlung müssen einander mindestens zwei Kandidaten gegenüberstehen.

Vorentscheidend war die Aufstellung der Kandidaten. In der Sprache der Offiziellen hieß es, das Auswahlverfahren garantiere eine "Erweiterung der Möglichkeit der Teilnahme der Massen". Diese Erweiterung zeigte jedoch schnell ihre Grenzen.

Parteimitglieder mußten die zukünftigen Parlamentarier nicht unbedingt sein, wohl aber ihre Unterschrift unter die politischen Programmpunkte der Dachorganisation aller systemkonformen Kräfte, der "Patriotischen Volksfront" setzen. Die Volksfront stellte auch fast überall zwei Kandidaten auf. Darüber hinaus konnten die Wahlversammlungen der Bürger weitere Bewerber nominieren. Auch eine Handvoll von Dissidenten, vor allem Umweltschützer und Gegner eines geplanten Großkraftwerkes an der Donau, meldeten ihre Kandidaturen an. Hier zeigte das Regime schnell, wie begrenzt der Spielraum für Oppositionelle ist. Unmittelbar vor den betreffenden Wahlversammlungen fanden oft KP-Veranstaltungen an gleicher Stelle statt, und wenn die Gefolgschaft der Dissidenten ihren Kandidaten zu Hilfe kommen wollte, waren die Säle bereits voll.

Dennoch brachte das Wahlergebnis selbst einige Überraschungen. Von den 71 gegen die offiziellen Empfehlungen aufgestellten alternativen Kandidaten wurden 25 gewählt. Auf der Strecke blieben prominente Funktionäre wie der Wirtschaftsfachmann und ehemalige Ministerpräsident Jenö Fock und der frühere Innenminister Bela Biszku. In 45 Wahlkreisen finden Ende Juni Stichwahlen statt. Keiner der Kandidaten hat hier die notwendige absolute Mehrheit erreicht.

Politbüromitglieder, führende Repräsentanten der religiösen und nationalen Minderheiten sowie einige Künstler und Intellektuelle brauchten sich nicht gegen Mitbewerber in Wahlkreisen zu behaupten. Für sie war eine Landesliste eingerichtet, gegen die nur 1,2 Prozent der Wähler stimmten. Die 35 Listenkandidaten mit Janos Kádár an der Spitze erhielten so die bei früheren Wahlen üblichen 99 Prozent Zustimmung.

Reinhard Engel (Wien)