Da unten, das kleine weiße Haus ist es", sagte Peter. Er hatte den Hubschrauber ganz hochziehen müssen, weil eine dicke Wolkenbank über der Bergkette lag, die Wellington vom Tal der Wharekauhau-Farm trennt und zu einer zweistündigen Autofahrt zwingt, wenn man nicht den Zehn-Minuten- und 300-Mark-Hüpfer mit dem Helikopter macht.

Aus unserer luftigen Perspektive war die schöne Lage der Farm gut zu überblicken: nahe am Meer, aber auf einer Hochebene darüber thronend, unweit einer großen Lagune, mit dem Rücken zu den dichten Bergwäldern und umrahmt von sattgrünen Weiden, die voll weißer Tupfer waren: Wharekauhau ist mit 10 000 Romney-Schafen die größte Zuchtfarm für diese Tierart. 1878 wurde sie gegründet, vor ein paar Jahren haben Bill und Anette Shaw das Anwesen gekauft.

Bill wäre mit seinen Tieren und mit seinem Spaß am Angeln sowie dem Jagen ausgelastet, auch seine hübsche Frau hat im Farmhaus genug zu tun. Aber als sie las, daß andere Farmen Gäste aus aller Welt aufnehmen, beschloß sie, sich "selbständig" zu machen. Ihren Mann konnte sie leicht überzeugen, er liebt es, Besucher im Haus zu haben. Wenn sie obendrein zahlen – noch besser.

Man kann in Neuseeland kaum typischer wohnen als auf einer Schaffarm, denn das Land "reitet auf dem Rücken des Schafs". Es ist, aller Diversifikation zum Trotz, von der Schafzucht wirtschaftlich abhängig: Auf 3,2 Millionen Menschen kommen über 70 Millionen dieser vierbeinigen Wollproduzenten.

Schon diese Zahlen lassen ahnen, daß die Schafzucht auf den beiden Inseln im Südpazifik ebensowenig Naturapostel-Idylle ist wie in der Lüneburger Heide. Da muß hart gearbeitet werden. Ohne Geländemotorräder, mit denen man den Tieren über Stock und Stein folgen kann, und ohne Hunde, die allein große Herden dirigieren können, sind solche Farmen nicht zu führen. Auch nicht ohne Chemie: Die Schafe müssen in regelmäßigen Abständen mit aseptischen Lösungen behandelt werden, um Ungezieferbefall und Entzündungen zu vermeiden. Derlei ist Alltag auf einer Schafstation – wo Gäste aufgenommen werden, können sie gern mit anpacken. "Das Interesse daran legt sich meist schnell, wenn es an die Dreckarbeit geht", lacht Bill.

Seine Frau hat erkannt, daß den meisten Gästen (zumal ihren, die rund 225 Mark pro Person und Tag hinlegen müssen) der Farmbetrieb allein nicht reicht. Sie bietet deshalb ein großes Sportprogramm an: neben Jagen und Angeln auch Wandern, Jetboat- oder Kanufahren, Tontaubenschießen und Golf auf einem nahegelegenen Platz. In dem Hirten und Jagdprofi Joe hat sie einen idealen Fremdenführer für alle Arten von Abenteuertouren. Mit Joe können demnächst sogar solche Gäste auf die Jagd gehen, die kein Blut sehen können: Joe macht seine Lizenz für die "Narkose-Jagd", bei der das Rotwild mit einer Betäubungsspritze erlegt wird. Die so gefangenen Tiere werden an Wildfarmen verkauft, auf denen Rehe und Hirsche wie Kühe und Schafe gehalten werden (Deutschland ist Hauptabnehmer für neuseeländisches Wildbret). Joe freut sich auf ein gutes Geschäft, ein gesundes Weibchen kann bis zu 4500 Mark einbringen.

Die Shaws wollen sich aber nicht nur durch die sportlichen Offenen von der Vielzahl anderer Farmferien-Anbieter unterscheiden, sie suchen auch bewußt Gäste, die ein paar Dollar mehr in der Tasche haben als der Durchschnittstourist. In den hohen Preisen sind allerdings Vollpension und alle Getränke enthalten. Die zwei Gästezimmer in der Lodge sind mit eigenen Bädern ausgestattet, aber dennoch wollen die Farmer sie wieder aufgeben. Bungalows neben dem Haus sollen Gästen und Gastgebern mehr privaten Raum geben – etwas, was dieser Gästekreis wünscht. Die "Wharekauhau Lodge" hat sich mit diesen Ansprüchen zu Recht keiner der Farmholiday-Organisationen, sondern der neuseeländischen Kooperation "Retreat Holidays International" angeschlossen. Das ist eine der deutschen "Romantik Hotels" nachempfundene Gruppe, die – wen wundert’s – von einem Deutschen gegründet wurde.