Mit Billigreisen werden die Kunden gelockt, doch der Ausflug wird oft teuer

Von Herbert Schäfer

Willkommen zur großen Textilschau bei Kaffee und Kuchen gratis." Die schriftliche Einladung, auf den Straßen eines württembergischen Badeortes überreicht, klang verlockend. Kurgäste strömten nur so in den Saal. Erst als das Kaffeekränzchen vorüber war, gingen manchen Leuten die Augen auf.

So dem körperbehinderten Rentner D.: Er hatte im allgemeinen Trubel einen 4000-Mark-Kaufvertrag für Rheumadecken unterschrieben, die er eigentlich gar nicht brauchte, und die es zu Hause im Bettenfachgeschäft viel billiger gab. Über seinen Irrtum erschrocken, wollte der 70jährige die Sache annullieren. Doch der Verkäufer blieb stur und reagierte mit Handgreiflichkeiten. Vor dem Kadi wurde der skandalöse Auftrag jetzt für nichtig erklärt. Ein Lehrstück mit brisantem Hintergrund.

Verkaufsveranstaltungen – so der offizielle Name – gelten zwar laut Gewerbeordnung als "Wanderlager", im übrigen aber juristisch als typisches Haustürgeschäft – auch weit entfernt vom heimischen Herd. Einst von deutschen Profis als Direktvertrieb kreiert, bearbeiten die Verkäufer inzwischen europaweit einen Milliardenmarkt. 1985 werden fliegende Händler wieder an die drei Millionen Leute auf Kaffeefahrten zur gewinnträchtigen Schau kutschieren. Vorzugsweise Ältere, Alleinstehende und Hausfrauen.

Die Ziele sind attraktiv, und die Reisen billig: Ein Tagestrip nach Wyk auf Föhr kostet nur achtzehn Mark, neun Tage Istanbul gibt es für 398 Mark, eine Woche Monaco oder vier Tage London für 298 Mark. Doch irgendwo, irgendwann unterwegs passiert es dann: Vor einer entlegenden Gaststätte, die man den Billigtouristen vorher nicht verrät, heißt es plötzlich: "Alles aussteigen." Im Lokal offerieren die Firmen ihre Ware nach einem clever gebastelten, aber einfachen Rezept: Erst der obligate Begrüßungsschluck, dann wird die Armbanduhr made in Hongkong überreicht oder ein Korb voll Naturalien aus deutschen Landen, "alles im Fahrpreis enthalten", wie es stereotyp heißt, also quasi geschenkt. Es folgen flotte Sprüche, Tombola, Geselligkeit bei Ratespiel plus Ententanz. Und schon gehen Luftsprudelbäder, Antischmerz-Massagestäbe und Kräuterkissen weg wie warme Semmeln.

Obwohl diese Treffs in der Regel freiwillig sind, läßt sie doch kaum jemand aus. Was bleibt ihm sonst auch übrig? Denn dort draußen in der Abgeschiedenheit gibt es wenig Gelegenheit zu alternativem Zeitvertreib. Zudem wird häufig das Mittagessen, auf das niemand verzichten will, zwischen den Werbeblöcken serviert.