Vollmundige Sprachlosigkeit – Seite 1

Von Deutschland nach Spanien ist es weiter, als zwei Stunden Flug vermuten lassen. Und von Spanien nach Deutschland? Da türmen sich, höher als die Pyrenäen, Berge von Mißverständnissen, Fehldeutungen, mangelnder Kenntnis. Das Beste, was über die "Woche des deutschen Buches" in Madrid (3. bis 7. Juni) gesagt werden kann: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat mit der (von seiner Ausstellungs- und Messe-Gesellschaft gut vorbereiteten und glänzend organisierten) "bilateralen Messe mit Kongreßcharakter" die Entfernung zwischen beiden Ländern und Kulturen etwas verringert und das Gestein von Vorurteilen aus dem Weg geräumt.

Es war wohl die heiterste und lockerste Veranstaltung, die der Börsenverein bisher ausgerichtet hat: eine Freiluft-Messe wie ein paar Kilometer entfernt, im Retiro-Park, die nationale spanische Buchmesse, ein fröhlicher Bücherjahrmarkt.

Am Anfang war der Krach: Mit Donnergrollen zogen schwere Gewitter über Madrid. Die Aussteller in ihren Sperrholzständen besorgten sich Plastikplanen, um die Bücher ein zweites Mal zu retten, jetzt vor den Wassermassen, Doch bei der Eröffnung im Innenhof des Conde Duque-Palastes, einer riesigen, wie ein Gefängnis drohenden Kaserne, die der Barock-Architekt Pedro Ribera 1720 für die königliche Leibwache errichtet hat und die jetzt zu einem Kulturzentrum ausgebaut wird, konnte sich der deutsche Botschafter, Guido Brunner, beim Bürgermeister von Madrid, dem populären, 67 Jahre alten Jura-Professor Enrique Tierno Galván, nicht nur für eine herrliche, frei vorgetragene Rede bedanken, sondern auch für den Sonnenschein, der während der Ansprache des Alcalde der Dreimillionenstadt aufgezogen war und bis zum Ende der Buchwoche nicht wich.

Doch andere Wolken zogen auf: "Bis heute haben spanische Bücher in Deutschland nur geringe Verbreitung gefunden. Unsere Klassiker sind wenig bis kaum übersetzt, unsere zeitgenössischen Autoren praktisch unbekannt, und die Präsenz spanischer Verlagserzeugnisse auf dem deutschen Markt ist kaum wahrnehmbar – was umgekehrt wiederum nicht von deutschen Büchern in Spanien behauptet werden kann." Der darüber nicht klagt, sondern es schlicht den Statistiken abliest, ist Francisco Pérez González, Präsident des spanischen Verleger-Verbandes.

Der Vorsteher des Börsenvereins, der Hamburger Buchhändler Günther Christiansen, gewann die spanischen Zuhörer, weil er in ihrer Sprache versichern konnte, auch wenn die kleine Messe "Semana del libro aleman" heiße, sei nicht nur an eine Werbeschau für das deutsche Buch gedacht, sondern auch an das Kennenlernen der spanischen Bücher und der Leute, die sie schreiben, verlegen, vertreiben.

Die Wirklichkeit sieht (für 1983) so aus: Nach Spanien hat die Bundesrepublik "Druckerzeugnisse" im Wert von 10,7 Millionen Mark geliefert. Spanien liegt damit auf dem zehnten Platz der Exportländer. Die Summe entspricht einem Anteil am Gesamt-Export von 1,4 Prozent. Aus Spanien kamen dagegen Bücher nur im Wert von 7,8 Millionen Mark, was einem Prozentsatz. von 1,7 der Einfuhr entspricht. Die "zeitweise unterbrochene Verbindung" im Kultur-Austausch beider Länder "während der Franco-Zeit" beklagte der spanische Kulturminister Javier Solana. Nacn einer langen Epoche, in der Spanien weniger über die Pyrenäen nach Europa blickte als über den Ozean, wo in den lateinamerikanischen Ländern iberische Kultur und Literatur weiterentwickelt wurde und wo große Absatzmärkte locken, besinnt sich das Land, beim Eintritt in die Europäische Gemeinschaft, stärker auf seine abendländische Tradition und Zugehörigkeit.

Schön zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Freundlichkeit spanische Politiker, nicht nur des Kulturministeriums, mit deutschen Autoren, Übersetzern, Verlegern umgehen. Da reden Menschen miteinander, die dieselbe Sprache europäischer Kultur sprechen, auch wenn sie spanisch oder deutsch parlieren. Daß der Börsenverein in seiner Ausstellungs- und Messe-GmbH Leute hat, die sich in der eigenen wie in der Sprache des Gastlandes ebenso gewandt ausdrücken können, hat zum Erfolg der Buchwoche in Spanien wesentlich beigetragen.

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Umso bedrückender zu erleben, wie die Bundesrepublik sich selber darstellt, zum sanften Entsetzen selbst der Gastgeber. "Nein, das kann er nicht sein. Das ist nicht der Minister. Das ist sein Sicherheitsbeamter", sagten bei der Eröffnung spanische Zuhörer. Aber er war es dann doch selber, unser Staatsminister im Auswärtigen Amt, Jürgen Möllemann. Er konnte mit niemandem sprechen, nicht, weil er nicht eine gewandte Übersetzerin an seiner Seite gehabt hätte, sondern weil ein deutscher Politiker selbst mit Schriftstellern, Künstlern, Übersetzern aus dem eigenen Lande nichts zu reden hat, nicht einmal Konversation machen kann.

"Nun werden Sie fragen: was ist denn die Rolle des Staates, was tut Ihr hier, die Ihr diese Woche des Deutschen Buches in Madrid offiziell eröffnet?" Ja, Möllemanns rhethorische Frage drängt sich als Problem auf, wenn man erlebt, wie nach anmutigen, mit Witz oder Überzeugungskraft gehaltenen Ansprachen ein deutscher Herr Minister ans Mikrophon tritt und eine nie und nimmer von ihm selber geschriebene Rede verliest, deren Anekdoten über Cervantes, deren Beteuerungen von Geistes- und Meinungsfreiheit (die hoffentlich auch Möllemanns Kollege Zimmermann zu lesen bekommt) wie Börsenkurse oder Wasserstandsmeldungen aufgesagt werden.

Was sagt ein deutscher Politiker in der Kunstausstellung eines Landsmanns im Ausland? Das spanische Kulturministerium, dessen Gast Günter Grass war, hat ihm im Conde Duque-Palast, in einer hellen Arkadenhalle, eine große Ausstellung mit 126 Arbeiten eingerichtet. Madrids Bürgermeister, der im Katalog das Vorwort geschrieben hat, kann sich, wie andere Politiker Spaniens auch, mit dem Künstler unterhalten. Unser Möllemann begrüßt den vom spanischen Staat geehrten Landsmann mit den Worten: "Melden Sie sich doch mal, wenn Sie in meinem Wahlkreis sind." Grass verzieht seinen Schnauzbart zu einem nicht nur freundlichen Grinsen und sagt: "Gern; dann können Sie was zu hören bekommen." Unser für Kultur zuständiger Minister versteht den Dank richtig, als charmante Drohung, Und verläßt eilends den Schauplatz, nach anderthalb Minuten in einem Bildersaal.

Was kann der arme Möllemann dafür? Wir sind selber schuld, wenn wir uns so repräsentieren lassen. Wie rechtfertigte bei den "Römerberggesprächen" vor vierzehn Tagen Österreichs Kulturminister Kunstförderung in jeder Form: "Die Staatsoper ist allemal ein wirkungsvolleres Instrument der Außenpolitik Österreichs als die Diplomatie."

Auch die Schriftsteller waren in Madrid manchmal sprachlos, wenn auch vollmundig. Eine Podiumsdiskussion zwischen Grass, Hans-Christoph Buch, Peter Schneider, Juan Benet und Alvaro Pombo über "Schriftsteller in Diktatur und Demokratie" landete nach gelegentlichen Beschimpfungen rasch im nicht totzukriegenden Mißverständnis von "engagierter" und "reiner" Literatur.

Neben vielen intensiven Gesprächen, die spanische und deutsche Büchermenschen miteinander führten, bleibt als Hoffnungsschimmer für ein Ende der Sprachlosigkeit die Verleihung von gleich drei Übersetzerpreisen: Fritz Vogelgsang erhielt für seine Übertragung des Werkes von Ramón del Valle-Inclan (Vgl. die Rezension auf Seite 45) den spanischen Übersetzerpreis (rund 20 000 Mark); mit je 5000 Mark sind die jetzt zum ersten, (hoffentlich nicht zum letzten) Mal vergebenen Übersetzerpreise dotiert, die das deutsche Außen-, das spanische Kulturministerium gestiftet haben. Die Deutschen ehrten Juan del Solar, der Canetti, Robert Walser und eben jetzt Peter Schneiders "Mauerspringer" übersetzt hat; die Spanier Wilhelm Muster für seine Quevedo-Übertragungen.

Rolf Michaelis