Umso bedrückender zu erleben, wie die Bundesrepublik sich selber darstellt, zum sanften Entsetzen selbst der Gastgeber. "Nein, das kann er nicht sein. Das ist nicht der Minister. Das ist sein Sicherheitsbeamter", sagten bei der Eröffnung spanische Zuhörer. Aber er war es dann doch selber, unser Staatsminister im Auswärtigen Amt, Jürgen Möllemann. Er konnte mit niemandem sprechen, nicht, weil er nicht eine gewandte Übersetzerin an seiner Seite gehabt hätte, sondern weil ein deutscher Politiker selbst mit Schriftstellern, Künstlern, Übersetzern aus dem eigenen Lande nichts zu reden hat, nicht einmal Konversation machen kann.

"Nun werden Sie fragen: was ist denn die Rolle des Staates, was tut Ihr hier, die Ihr diese Woche des Deutschen Buches in Madrid offiziell eröffnet?" Ja, Möllemanns rhethorische Frage drängt sich als Problem auf, wenn man erlebt, wie nach anmutigen, mit Witz oder Überzeugungskraft gehaltenen Ansprachen ein deutscher Herr Minister ans Mikrophon tritt und eine nie und nimmer von ihm selber geschriebene Rede verliest, deren Anekdoten über Cervantes, deren Beteuerungen von Geistes- und Meinungsfreiheit (die hoffentlich auch Möllemanns Kollege Zimmermann zu lesen bekommt) wie Börsenkurse oder Wasserstandsmeldungen aufgesagt werden.

Was sagt ein deutscher Politiker in der Kunstausstellung eines Landsmanns im Ausland? Das spanische Kulturministerium, dessen Gast Günter Grass war, hat ihm im Conde Duque-Palast, in einer hellen Arkadenhalle, eine große Ausstellung mit 126 Arbeiten eingerichtet. Madrids Bürgermeister, der im Katalog das Vorwort geschrieben hat, kann sich, wie andere Politiker Spaniens auch, mit dem Künstler unterhalten. Unser Möllemann begrüßt den vom spanischen Staat geehrten Landsmann mit den Worten: "Melden Sie sich doch mal, wenn Sie in meinem Wahlkreis sind." Grass verzieht seinen Schnauzbart zu einem nicht nur freundlichen Grinsen und sagt: "Gern; dann können Sie was zu hören bekommen." Unser für Kultur zuständiger Minister versteht den Dank richtig, als charmante Drohung, Und verläßt eilends den Schauplatz, nach anderthalb Minuten in einem Bildersaal.

Was kann der arme Möllemann dafür? Wir sind selber schuld, wenn wir uns so repräsentieren lassen. Wie rechtfertigte bei den "Römerberggesprächen" vor vierzehn Tagen Österreichs Kulturminister Kunstförderung in jeder Form: "Die Staatsoper ist allemal ein wirkungsvolleres Instrument der Außenpolitik Österreichs als die Diplomatie."

Auch die Schriftsteller waren in Madrid manchmal sprachlos, wenn auch vollmundig. Eine Podiumsdiskussion zwischen Grass, Hans-Christoph Buch, Peter Schneider, Juan Benet und Alvaro Pombo über "Schriftsteller in Diktatur und Demokratie" landete nach gelegentlichen Beschimpfungen rasch im nicht totzukriegenden Mißverständnis von "engagierter" und "reiner" Literatur.

Neben vielen intensiven Gesprächen, die spanische und deutsche Büchermenschen miteinander führten, bleibt als Hoffnungsschimmer für ein Ende der Sprachlosigkeit die Verleihung von gleich drei Übersetzerpreisen: Fritz Vogelgsang erhielt für seine Übertragung des Werkes von Ramón del Valle-Inclan (Vgl. die Rezension auf Seite 45) den spanischen Übersetzerpreis (rund 20 000 Mark); mit je 5000 Mark sind die jetzt zum ersten, (hoffentlich nicht zum letzten) Mal vergebenen Übersetzerpreise dotiert, die das deutsche Außen-, das spanische Kulturministerium gestiftet haben. Die Deutschen ehrten Juan del Solar, der Canetti, Robert Walser und eben jetzt Peter Schneiders "Mauerspringer" übersetzt hat; die Spanier Wilhelm Muster für seine Quevedo-Übertragungen.

Rolf Michaelis