Die meisten Länder der Dritten Welt seien "Staatsimitationen", und die entscheidende Ursache ihrer Probleme sei ihre Entkolonialisierung. Die Politik der meisten farbigen Länder sei von unbegründeten Ressentiments gegenüber den ehemaligen Kolonialherren bestimmt, und Willy Brandts Nord-Süd-Report stelle eine völlig falsche Diagnose ihrer Probleme. Die Einführung der amerikanischen Demokratie in den Ländern der Dritten Welt, notfalls unter Belassung gewisser kultureller Eigenständigkeit, würde alle wichtigen Probleme dieser Staaten lösen. Dies sind einige der Thesen in dem von Melvin Lasky und Helga Hegewisch herausgegebenen Band "Die Alte, die Neue und die Dritte Welt". Der Titel wie die als Untertitel darunter gesetzte Frage "Haben wir eine globale Verantwortung?" sind irreführend. Denn den zehn Autoren – vielleicht mit zwei Ausnahmen – geht es nicht um Verantwortung im Sinne einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Völkern der von ihnen angesprochenen "drei Welten", sondern im wesentlichen um den Nachweis einer Überlegenheit der "Alten Welt". Fast alle Ansprüche und Vorwürfe von Dritt-Welt-Ländern sind nach ihrer Ansicht unberechtigt, die von den USA und Westeuropa ihnen gegenüber eingenommene Haltung ist die "einzig vernünftige", und der von Ronald Reagan proklamierte "weltweite Feldzug für Demokratie der einzig gangbare Ausweg aus den derzeitigen Schwierigkeiten".

Wer der Ansicht ist, daß die Farbigen politisch unfähig und ressentimentgeladen sind, daß die Kolonialmächte sie viel zu früh in die Freiheit entlassen. haben, mit der sie nun nichts anzufangen wissen, bekommt seine Meinung hier von angesehenen Wissenschaftlern und Publizisten bestätigt. Dem ehemaligen konservativen britischen Premierminister Harold Macmillan wird ob seiner historischen Rede vom "wind of change" in Afrika Defaitismus und Selbstgefälligkeit bescheinigt. Und dem General de Gaulle wirft der Politologe Elie Kedourie von der London School of Economic sogar Zynismus vor, weil er Algerien die Unabhängigkeit zugestand.

Einige der Autoren des Bandes haben sich über die "Ideologien der Dritt-Welt-Länder" sowie über die Thesen von Willy Brandts Nord-Süd-Bericht so sehr geärgert, daß sie selbst vor Beschimpfungen nicht zurückschrecken. So nennt der deutsche Politologe Professor Erwin Scheuch Berichte über das waldsterben unbekümmert "grüne Phantastereien", bezeichnet unabhängige schwarze Staaten als "Bananen-Diktaturen" und kommt zu der Erkenntnis: "Die Dritte Welt ist eine Quelle der Gefährdung für Wirtschaft und Umwelt."

In einer Zeit, da der doch gewiß nicht linkslastiger Ideologien verdächtige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher eine Fortsetzung des von Willy Brandt begonnenen Nord-Süd-Dialogs fordert, da selbst US-Bankiers an der Weisheit ihrer Kredit- und Zinspolitik gegenüber Lateinamerika zu zweifeln beginnen, und da man weltweit nach einer neuen, vernünftigeren Form wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit zwischen den technisch entwickelten und entwicklungsbedürftigen Ländern sucht, wirkt ein so unbekümmertes Bekenntnis zu den bewährten und leider nur zu früh aufgegebenen Herrschaftsformen einer "besonnten Vergangenheit" fast obszön. Aber vielleicht ist es ja nützlich, auf diese Weise zu erfahren, daß die These vom Nutzen der Kolonialherrschaft vor allem für die Kolonisierten unter den "klugen Köpfen" unserer Zeit auch heute noch eine beeindruckende Zahl von Anhängern besitzt.

Peter Grubbe