Von Roger de Weck

Ost-Berlin, im Juni

Der französische Premierminister war just zwei Stunden in der DDR, da erlebte er die erste Überraschung. Laurent Fabius und Erich Honecker unterhielten sich im Büro des Staatsratsvorsitzenden am Marx-Engels-Platz über die internationale Lage und das Ost-West-Verhältnis. Nun aber wollte der Franzose wissen, wie Honecker den Stand der deutsch-deutschen Beziehungen einschätze. Doch statt die Frage direkt zu beantworten, zog es Honecker vor, seine Meinung über die innenpolitische Situation der Bundesrepublik zum besten zu geben. Der gebürtige Saarländer wies zunächst auf den Sieg Oskar Lafontaines hin, kam dann auf die Niederlage der CDU in Nordrhein-Westfalen zu sprechen. Es war wirklich "pikant", sagte ein französischer Diplomat und lächelte vielsagend.

Honecker fuhr mit seiner kurzen "soziopolitischen Analyse" fort. Sein Fazit, diplomatisch ausgedrückt: Die Haltung der Bundesrepublik wird derzeit vom "Wechselspiel" zwischen den drei Regierungspartnern CDU, CSU und FDP bestimmt. Das hörte sich nicht nach einem Lob Kohlscher Führungskraft an, mochte jedoch Laurent Fabius einleuchten. Kein Wunder, daß es Honecker nicht drängt, in die Bundesrepublik zu fahren. "Dies ist gegenwärtig keine aktuelle Frage", hat er in einem Interview mit Le Monde beteuert und dabei angedeutet, daß es "die Nachbarn" nicht gerne sähen.

"Bitte erst nach dem Honecker-Besuch in der Bundesrepublik!" hatte Bonn den französischen Premier zum Abwarten aufgefordert, als ihn im Januar 1984 der Stellvertretende Vorsitzende des Staatsrats Günter Mittag in die DDR einlud. Die Franzosen, denen in dieser Hinsicht bundesdeutsche Wünsche fast Befehle sind, zeigten Verständnis. Doch während man damals vergeblich der Ankunft Honeckers harrte und die Hoffnung auf einen baldigen Besuch zerrann, kam es zum Wechsel im Matignon, dem Amtssitz des französischen Premiers. Die Nachfolge von Pierre Mauroy trat der junge Fabius an. Ihn suchte alsbald der Präsident der Volkskammer auf. Horst Sindermann erneuerte die Einladung. Da hatte auch Bonn nichts mehr gegen die erste DDR-Visite eines Regierungschef der drei westlichen Berlin-Mächte einzuwenden.

Am Montag mittag landete Fabius in Berlin-Schönefeld, am Dienstag abend flog er wieder ab. Der Premier war nur knapp dreißig Stunden in der Stadt, die er als Hauptstadt nicht anerkennt. Deren Viermächtestatus ist der kleinen Großmacht Frankreich besonders wichtig, in Berlin hat auch das DDR-Militär nichts zu suchen. So empfand es die französische Delegation als "Taktlosigkeit", daß DDR-Verteidigungsminister General Hoffmann in Uniform am Bankett im Staatsrat teilnahm. Er saß – ein schneidiger, zuvorkommender Kavalier in voller Montur – zur Rechten der hübschen Außenhandelsministerin Edith Cresson.

Es war ein wundersames deutsch-französisches Paar. Die unzähligen Orden an der Offiziersbrust strahlten ebenso wie die mächtigen Brillanten an den Ohrläppchen der Dame. Als der General aus seinem Leben zu erzählen begann, vom abenteuerlichen Widerstand gegen Franco und Hitler, war Edith Cresson ganz angetan. Beide Länder haben der Gemeinsamkeiten wenig genug, daß eines nicht immerzu von der alten DDR-Garde hervorgehoben wurde: die gemeinsame Erfahrung des "Kampfes gegen den Faschismus".