Auch in der Schweiz gibt es, ähnlich wie in der Bundesrepublik, eine Rentendiskussion – nur heißt sie dort nicht so. Statt dessen ist von der "ersten und zweiten Säule" und dem "Gießkannen-Prinzip" die Rede.

Die eidgenösissische Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung (AHV) wurde 1947 durch eine Volksabstimmung eingeführt. Achtzig Prozent der stimmberechtigten Männer hatten sich damals an die Urne begeben, und achtzig Prozent von ihnen hatten der AHV zugestimmt, was einen Akklamations-Rekord in der Geschichte der Schweizer Demokratie darstellt.

Die AHV ist eine allgemein gültige und obligatorische Versicherung: Alle in der Schweiz wohnhaften und arbeitenden Personen sind ihr unterstellt. Finanziert wird sie durch staatliche Beiträge, und in erster Linie durch Einzahlungen der arbeitenden Bevölkerung. Jeder Lohnempfänger muß zehn Prozent seines Lohns beisteuern, wobei die Hälfte vom Arbeitgeber überwiesen wird – bei unabhängigen Berufen betragen die AHV-Abzüge zwischen fünf und neun Prozent des Einkommens.

Rentenberechtigt sind Frauen über 62 und Männer ab 65 Jahren. Die Höhe der Rente richtet sich im Prinzip nach der Höhe der Einzahlungen, wobei die Maximalrente das Doppelte der Minimalrente nicht übersteigen darf. Bei den Einzelrenten beträgt das untere Limit zur Zeit 690 Franken pro Monat, die Obergrenze 1380 Franken. Ein Paar erhält mindestens 1035 Franken, und maximal 2070 Franken pro Monat.

Diese AHV-Rente ist nach offizieller Lesart eine Grundrente. 1972 wurde in der Schweizer Verfassung eine Gesetzesbestimmung festgeschrieben, derzufolge die Alterssicherung auf drei Säulen beruht: einer eidgenössischen (erste Säule), der Berufsvorsorge (zweite Säule) und der Selbstvorsorge (dritte Säule). Die AHV als erste Säule soll den Existenzbedarf angemessen decken, während die Berufsvorsorge – Pensionskassen, Betriebsversicherungen – die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung erlauben soll. Indessen hat sich die Umsetzung dieses Modells in die Wirklichkeit in den letzten Jahren als immer schwieriger erwiesen.

Was die erste Säule betrifft, so haben die Wirtschaftsrezession und das Defizit des öffentlichen Haushalts in den siebziger Jahren zu Finanzierungsengpässen geführt, welche der in der Hochkonjunktur schwungvoll betriebenen sukzessiven Erhöhung der Renten ein jähes Ende bereitete. Heute geht es nicht mehr um den Ausbau, sondern um die Konsolidierung dieses Sozialwerks. Eine 10. AHV-Revision ist zwar für die nächsten

Jahre geplant. Sie soll aber kostenneutral sein, also keine Mehrausgaben zur Folge haben, und vor allem eine Gleichstellung von Mann und Frau bezwecken. Im übrigen ist man froh, wenn man in den nächsten Jahren die Anpassung der Renten an die Teuerung sicherstellen kann.