ARD, montags ab 17. 6. (bis 5. 8.), jeweils 20.15 Uhr: "Eine italienische Leende – Giuseppe Verdi", Film in acht Teilen von Renato Castellani.

Neun Stunden Verdi zur Hauptsendezeit? Feiern wir ein Jubiläum? Hat man ein neues Werk gefunden? Wurde er gar als Pseudonym entlarvt? Oder soll, in Analogie zu den politischen Einigungsbestrebungen in Italien Mitte des vorigen Jahrhunderts, als der Name Verdi zum Kampfruf der Patrioten wurde ("Vittorio Emmanuele Re D’Italia"), die achtteilige Folge die in Italien intendierten und auf Kanzler- und Präsidentenebene diskutierten europäischen Einigungsbetrebungen untermalen?

Renato Castellani, der 1941 mit einem Spielfilm nach Puschkin begann und der sich ziemlich schnell das Attribut erwarb, Filme in "calligraphia"‚ in "Schönschrift" herzustellen, der dann nach dem Krieg vorübergehend in den Neorealismus abwanderte, Ende der sechziger Jahre zum Fernsehen überwechselte, dort 1971 mit dem fünfteiligen "Leonardo da Vinci" einen ungeheuren Erfolg erreichte, hat fast sechs Jahre lang die in der Tat ja nicht schmale Verdi-Literatur durchgeackert, ehe er zwei Jahre lang drehte, dabei 250 Kilometer Celluloid belichtete, 20 000 Komparsen beschäftigte, 5000 Kostüme verbrauchte.

Ein monströser Schinken in Schönschrift also? Keineswegs. Etwas Neues für die Verdi-Kenner? Auch nicht. Aber etwas Respektables. Natürlich wird jeder monographische Versuch über den Musiker, der es am deutlichsten verstand, aus den theatralischen Aktionen deren Emotionsgehalt an die Oberfläche zu ziehen; der aus der eher schablonenhaften Charakterisierung von Typen zu einer veritablen Menschen-Darstellung in den Mitteln von Klängen, Farben, Rhythmen und vor allem Linien fand; der Höhen und Tiefen durchlebte, von denen eigentlich nur die literarische Phantasie eine Vorstellung zu entwickeln vermag; der aber auch der Kultivierung der Klischees von der Karriere eines Künstlers das Material lieferte, indem er vom ersten Erfolg über die Totalkatastrophe den unaufhaltsamen Aufstieg durchlebte, diesen zwar verbunden mit äußersten Mühen und deutlichen Kabalen, Enttäuschungen und Nepotismen, Zusammenbrüchen und Glückzufällen – natürlich muß ein solches Persönlichkeits-Porträt sein gerüttelt Maß an zu Herzen gehender Kino-Theatralik besitzen. Ein manchmal höchst raffinierter Schnitt kann dies selbstverständlich nur verstärken, wenn etwa an die Weihnachtstorte, die der Verleger Riccordi schickt und auf der ein Schokoladen-Baby, in der Sahne liegend, ziemlich makaber-pervers die Fertigstellung der Oper "Otello" anmahnt – der Sarg geschnitten ist, in dem der tote Richard Wagner aus dem Palazzo Vendramin in die Totengondel gehoben wird.

Nichtsdestoweniger eine ehrliche, nicht aufdringliche, auch nicht sentimentale Serie, in der immer wieder das Werk und damit die Musik im Mittelpunkt steht. Die italienische Kritik fand den das politische Umfeld kommentierenden, die Szenen erläuternden, die zeitlichen Sprünge überbrückenden Sprecher "zu schulmeisterlich" – von der deutschen Version kann man dies nicht behaupten, im Gegenteil. Die läßt vieles im dunklen, über die Stücke und ihre Hintergründe wie die zeitgebundenen Schwierigkeiten (etwa die Zensur), über den Musikbetrieb jener Zeit, der sich ja nicht nur in Affären von Opernintendanten oder Kapellmeistern erschöpfte, über die Skala der Wichtigkeiten und Nichtigkeiten an einem Theater, über die "wahre Art, einen Verdi zu singen". Der aber eben dadurch Appetit macht auf die Opern.

"Der Künstler gehe, und wenn er manchmal strauchelt und stürzt, dann stehe er auf und gehe immer geradeaus weiter" – diesem seinem eigenen Anspruch an den Künstler zu folgen ist Verdi nicht gerade leichtgemacht worden, und der Film zeigt es ohne Beschönigung. Daß die Welt dem Komponisten aber auch immer wieder aufgeholfen hat, war sein und unser Glück. Heinz Josef Herbort