Müllers Enkel wird umgelegt. Im nächsten Jahr, so hat es Bundesforschungsminister Riesenhuber beschlossen, soll Growian, die große Windenergie-Anlage, für immer ihre – ohnehin – spärlichen Dienste einstellen.

Noch klingen die zukunftsweisenden Sprüche der Propeller-Planer in den Ohren: Die 150 Meter hohe Windmühle an der schleswig-holsteinischen Westküste sollte, so fabulierten einst die Konstrukteure, nach einer zweijährigen Testphase den Strombedarf von 4000 Haushalten decken können. Wissenschaftler errechneten daraus in einem "konservativen Kalkül", daß 40 Kraftwerk-Parks à 100 Growianen 14 Prozent des bundesdeutschen Stromes erwirbein sollten.

Jetzt, anderthalb Jahre nach dem ersten Flügelschlag im Herbst 1983, dürfen die Spötter die Gegenrechnung aufstellen: Das "Meisterwerk deutscher Ingenieurkunst" (so eine Huldigung bei der Eröffnung), hat sich seitdem gerade 180 Stunden gedreht. Oder gehässig ausgedrückt, der Flügel stand 25 000 Stunden still. Der in anderthalb Janren erzeugte Strom ermöglichte es den 4000 Haushalten immerhin, drei Tage ununterbrochen den Farbfernseher laufen zu lassen. Die Rechnung läßt sich in Anlehnung an die Versprechen der Wissenschaft beliebig weiterführen. Heraus käme in jedem Fall eine windige Erfolgsbilanz, selbst wenn man Growian den Status einer Pilotanlage zubilligen muß.

Im Sog alternativer Träume versuchte sich Ende der siebziger Jahre das damals sozial-liberale Forschungsministerium an der regenerativen Windenergie. Hintereinander liefen drei abenteuerliche Projekte vom Stapel. Neben Growian (90 Millionen Mark) entpuppte sich jedoch das thermische Aufwind-Kraftwerk im spanischen Andalusien (sieben Millionen) ebenso als Blindgänger wie der Ein-Flügel-Rotor Monopterus, der in Bremerhaven angesiedelt ist; meist steht er still.

Die Bonner Forschungsbürokraten wollten dem staunenden Publikum damals den ersten, spektakulären Schritt in ein kohle-, öl- und uranunabhängiges Zeitalter präsentieren. Nach einem verwegenen Anlauf gelang aber allenfalls ein Salto rückwärts, denn letztlich haben die Windspielereien dem Ansehen der Windenergie schwer geschadet.

Die vom Forschungsministerium beauftragten Firmen sogen zwar begierig die Wissenschaftsmillionen auf, konnten aber keinen funktionierenden Riesenpropeller auf die grüne Marschwiese bei Brunsbüttel stellen. Kein Wunder – alle internationalen Erfahrungen sprachen eindeutig gegen eine derart überdimensionierte Großwindanlage. Die Aufgaben waren nach dem damaligen Kenntnisstand effektiv unlösbar. So als hätte man Otto Lilienthal nach seinen ersten Flugversuchen mit dem Bau eines Überschalljets beauftragt.

"Alles Kinderkrankheiten", wehrten die Ingenieure die ersten Schwierigkeiten ab. Dann jagte ein Debakel das andere. Bremsscheiben rissen, die Lager überhitzten und die Kunststoffoberfläche der Rotorblätter zerbarst im Frost. Jetzt liegt der kranke Zögling im Brunnen, bevor er das Laufen gelernt hat. Im Zentralteil der Anlage, in der 26 Tonnen schweren Rotornabe, traten Risse auf. Spezialisten verschweißten in hundert Meter Höhe immer wieder die Defekte, doch das Metall war den Belastungen nicht gewachsen. Ein Austausch der Nabe erscheint den Betreibern unmöglich: Die Growian-Erbauer hatten das Maschinenhaus schildbürgergleich gerade so hoch ausgelegt, daß es ein Reparaturkran nicht mehr erreichen kann.