Kritiker lasten es der Pharmaforschung als Molekülspielerei zur Verbesserung eines Medikaments an: das wahllose Herumdoktern an einer einmal als wirksam erkannten chemischen Verbindung. Denselben Trick nutzen in den letzten Jahren vor allem in den Vereinigten Staaten gewiefte Underground-Alchemisten im großen Stil. Ein bißchen Recherchieren in der frei zugänglichen chemischen Fachliteratur, ein paar Semester Chemiekenntnisse, und im Handumdrehen verwandeln sich Substanzen, die auf der Liste der verschreibungspflichtigen Substanzen stehen, durch die simple Einfügung einer neuen Molekülgruppe zu Rauschdrogen.

Unter den Handelsnamen China White, New Heroin, Coco Snow, Crystal Caine oder Synth Coke wird mit diesen sogenannten "Designer-Drogen" der riesige Heroin- und Kokainmarkt versorgt. Dabei geht es durchaus ganz legal zu, wenn aus einem in den Kliniken häufig verwendeten – und natürlich verschreibungspflichtigen – Betäubungsmittel durch Anhängen weniger Atome eine Droge entsteht, von denen bereits 40 bis 80 Mikrogramm eine dem Heroinrausch ähnliche Euphorie hervorrufen. "Solange die neue Substanz nicht ebenfalls als verschreibungspflichtig klassifiziert wird", klagt Robert Roberton, Direktor der kalifornischen Drogenüberwachungsstelle, "kann jeder, der es will und die nötigen Kenntnisse besitzt, mit einer Handtasche voller Chemikalien und neuen Drogen herumlaufen, ohne daß wir einschreiten können."

Chemikalien für eine Handvoll Dollar verwandeln sich auf diese Weise in einem entsprechend ausgerüsteten Hinterhoflabor über Nacht in Drogen mit einem Schwarzmarktwert von mehr als zwei Millionen Dollar.

Ende 1984 wurden die amerikanischen Gesetze geändert. Mittlerweile dauert es nicht mehr ein Jahr, sondern nur noch wenige Tage, bis eine neu aufgetauchte Verbindung zur "verschreibungspflichtigen Substanz" erklärt werden kann. Völlige Abhilfe wird auch diese Lösung nicht bringen. Denn für jedes Betäubungsmittel gibt es oft Hunderte, wenn nicht Tausende von möglichen chemischen Analogverbindungen und Molekülvariationen. Sie alle eignen sich als potente und vor allem zunächst legale Drogen.

"Diese neuen Designer-Drogen sind die größte Herausforderung, mit der wir jemals konfrontiert wurden", meint Gene Haislip, Sprecher eines staatlichen Drogendezernats. Die amtlichen Wächter sind nicht so sehr von der Tatsache überrascht, daß diese neuen Pülverchen überhaupt in der Drogenszene auftauchen, sondern daß sie erst in jüngster Zeit ganz massiv auf den Markt kommen. Die Spuren chemischer Verunreinigungen in Proben von China White lassen die beiden staatlichen amerikanischen Drogenspezialisten Donald Cooper und Gary Henderson vermuten, daß zur Zeit nur ein einziger Underground-Chemiker China White herstellt. Cooper und Henderson befürchten jedoch das Schlimmste: "Der Markt ist natürlich offen, und jetzt tauchen bereits Verbindungen auf, die bisher nicht einmal in der einschlägigen Fachliteratur beschrieben wurden. Ganz offensichtlich sind mittlerweile auch Spezialisten im Underground aktiv."

Kopfzerbrechen bereiten die an den Gesetzen vorbeisynthetisierten Chemieprodukte auch den Medizinern. Durchschnittlich sterben durch das "neue Heroin" allein in Kalifornien derzeit etwa zwei Drogensüchtige pro Monat. Drogenexperten vermuten, daß etwa 20 Prozent der geschätzten 100 000 Drogenabhängigen allein im Testmarkt Kalifornien bereits auf China White umgestiegen sind. Entsprechend häufen sich nicht nur Todesfälle, sondern auch die Zahl derjenigen, bei denen Gliederzittern, Gelenksteife, Sprachstörungen, Lähmungen und schwerste Hirnschädigungen beobachtet werden.

Die Störungen gehen auf ein Nervengift zurück, das als Verunreinigung bei der chemischen Synthese des "neuen Heroins" anfällt. Klinisch gesehen ähneln die Opfer des Giftes einem Patienten mit Schüttellähmung (Parkinsonscher Krankheit). Dieses Leiden tritt normalerweise fast nur bei älteren Menschen auf; es geht auf die Zerstörung von Hirnzellen in der sogenannten schwarzen Substanz (Suhstantia nigra) des Gehirns zurück. Von hier werden Nervenimpulsprogramme für langsame und gleichmäßige Bewegungen an die Muskeln weitergeleitet. Der Zerstörungsprozeß verläuft langsam, aber chronisch. Die Symptome treten erst auf, wenn etwa 80 Prozent der Hirnzellen in der schwarzen Substanz abgestorben sind.