Die Briefe klangen aufgebracht. "Das kann nur einer Einstellung entstammen, die den Körper, das Unwesentliche, über den Geist, das wesentliche, stellt", schrieb eine Fernsehzuschauerin an die Intendanz des ZDF. Sie bezog sich auf Berichte, wonach die Heute-Moderatorin Rut Speer ihren Platz räumen sollte, weil sie mit 49 Jahren "zu alt" für die Präsentation der Nachrichtensendung sei.

Es war nicht die einzige empörte Stellungnahme. Auf Rut Speers Tisch stapelten sich die Zuschriften, fast ausschließlich Plädoyers für die Moderatorin. "Wer maßt sich denn an", schrieb ein Mann, "den richtigen Geschmack zu haben, wenn es darum geht, den notwendigen Grad an Schönheit einer Frau zu beurteilen?" Ein anderer richtete an die Adresse der Intendanz den Stoßseufzer: "Es wäre schön, wenn Sie und viele andere von dieser fixen Idee, diesem Jugendlichkeitsfanatismus, abrücken würden."

ZDF-Sprecher Fritz Hufen beteuert, nie sei erwogen worden, Frau Speer vom Bildschirm zu verbannen. Man habe für sie ein anderes Tätigkeitsfeld suchen wollen – ähnlich wie für Ingeborg Wurster, die im vergangenen Herbst die Sendung Sonntagsgespräche übernommen hat und "durchaus weiterhin als Gesprächspartnerin zu sehen ist". Nur eben nicht mehr in den mit besonders hohen Einschaltquoten gesegneten Nachrichtensendungen ... Was Frau Speer betreffe, habe die selbst ja mal gesagt, sie wolle aus dem aufreibenden Job heraus. Tatsächlich, sagt Rut Speer, habe sie vor drei Jahren erklärt, wenn sie auf die 50 zugehe, wolle sie, nach der langen Zeit in der aktuellen Redaktion, in eine regelmäßigere Beschäftigung überwechseln, um wieder Filme zu machen. Aber sie dementiert auch nicht, daß ein leitender Redakteur ihr zu bedenken gegeben habe: "Meinst du nicht auch, daß dein Gesicht allmählich verbraucht ist fürs Publikum?" Und das ist ja wohl zweierlei: ob man freiwillig den Abgang erwägt oder aber Sätze wie diese zu hören bekommt.

In Presseberichten sah Rut Speer sich zur Märtyrerin hochstilisiert, fand die Darstellung vergröbert. Aber immerhin: sie haben ein starkes öffentliches Echo gehabt und einen Plan vereitelt. Das ZDF wird die Moderatorin vorerst lassen, wo sie ist. Der Fall hat ein Phänomen ins Bewußtsein gerückt; hat die Diskussion darüber entfacht, ob Frauen auf dem Bildschirm nicht mehr erwünscht sind, wenn die ersten Falten kommen.

Aus der Runde der Fernseh-Hierarchen darf man wohl keine ehrliche Antwort erwarten. Als ich mich erkundigte, erhielt ich Auskünfte innerhalb der Spannweite entrüsteten Bestreitens bis zu Verbeugungen vor einem vermuteten Publikumsurteil, etwa so: "Wir kennen da keinerlei Vorbehalte – aber es ist möglich, daß gelegentlich die Rücksicht auf bestimmte Empfindungen und Meinungen beim Zuschauer mitschwingt." Im allgemeinen ist es ja auch so, daß man, wenn man eine Frau austauscht, einen anderen Grund parat hat. Zufällige Anlässe werden genutzt, Hilfsargumente gern aufgegriffen. Vielleicht hat die Betroffene ja selbst mal gesagt, sie wolle etwas anderes machen.

Unterschiedlich reagierten auch prominente Fernseh-Frauen selbst. Für die Heute-Moderatorin Ulrike von Möllendorff, selbst über die 40 hinaus, aber nach "Experten"-Urteil ein "ausgesprochener Blickfang", ist das Ganze "überhaupt kein Thema". Eine TV-Ansagerin aus Norddeutschland mochte über die Angelegenheit gar nicht reden, eine dritte nicht namentlich genannt werden. Seltsam, als hätten sie Angst, ihre Chancen in der Zukunft zu schmälern. Das gehört wohl als Symptom zu dieser Geschichte.

Aber natürlich gebe es sie, die unterschiedliche Beurteilung von Männern und Frauen auf dem Bildschirm, sagt eine 42jährige Sprecherin. Man werde als weibliches Wesen in Leistung und Aussehen stärker und aufmerksamer beobachtet und bewertet. Also ist zusätzliche Qualifikation nötig, auch ein besonderes Maß an Sachlichkeit, um dem weiter wirksamen Klischee von der "Gefühlsduselei" der Frau zu entkommen. Wenn aber das Äußere "stimmt", werden Fehler verziehen. Nur, wie lange – und wann – "stimmt" das Äußere?