Von Esther Knorr-Anders

Sagt man einem Esslinger, er wohne in einer bestechend romantischen, aber eigentlich recht kleinen Stadt, trübt sich sofort sein Auge, und dem Gast werden zunächst einmal städtische Prospekte in die Hand gedrückt. Diese klären mit schwäbischer Akkuratesse und Ausdauer darüber auf, daß Esslingen am Mittleren Neckar liege, nur 14 Kilometer von Stuttgart entfernt. Es sei Stauferstadt und Freie Reichsstadt gewesen. Es ist berühmte Brückenstadt und vor allem Kreisstadt. 87 500 lebende Einwohner zähle das Gemeinwesen, davon 17,3 Prozent Ausländer. Im Gemeinderat habe die CDU-Fraktion 20 Sitze; 13 die SPD; FDP drei und Alternative mit Grünen fünf Sitze. Der Gesamtetat 1984 betrug 275 Millionen Mark; 146 Millionen wurden aus Steuern zusammengeschaufelt.

Ursächlich, so klären die klugen Hefte weiter auf, hinge alles mit jener alten Handelsstraße zusammen, die im 13. Jahrhundert von Flandern nach Venedig führte und in Esslingen den Fluß überquerte. Wahrscheinlich – so folgert der aufmerksame Prospektleser – fertigt allein aus diesem Grunde die Daimler-Benz AG heute in Esslingen Pkw-Achsen und Austauschmotoren für die Mercedes-Karossen an. Hersteller von Radiotechnik, von Hochdruckpressen, Baumaschinen, von Senf und Sauerkonserven wurden ansässig, und auch der älteste Sekthersteller Deutschlands, die Firma Kessler, residiert mitten im Ortskern, und zwar im pompösen Pfleghof des Domstiftes Speyer.

Dieser Ortskern ist es, der jeden Gast Esslingens gefangennimmt. Die bei der Anreise durchfahrenen Industrie-Areale entfallen seinem Gedächtnis. Er streift die Bahnhofstraße entlang, gelangt ans 1220 erbaute Schelztor. Wie festgenagelt bleibt er stehen. "Das ist eine Stadt! Kein Schritt ohne besondere Merkwürdigkeit", schrieb 1820 Achim, von Arnim. Es gilt auch für heute. Am Schelztor wird jedoch offenbar: Das Stadtinnere wäre in 35 Minuten zu durchstreifen, wenn man nicht zu träumen begänne. Träume entwickeln ihre eigene Zeitrechnung.

Vom Schelztor ist es ein Katzensprung zum Markt, mitten in Esslingens Vergangenheit. Die Südseite des Platzes nimmt die graugelbe Stadtkirche St. Dionys ein, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts anstelle einer bereits anno 777 existierenden Vitalis-Kirche errichtet wurde. 1960 wurden die Grundmauern jener frühen Saalkirche unter St. Dionys entdeckt. In dem labyrinthartigen Gemäuer sind Münzen, Pilgermuscheln und Steinsärge zu besichtigen.

Nordwestlich des Marktes erhebt sich die gotische Frauenkirche. Ihr "Weltuntergangsportal" zeigt auffallend unfröhliche Selige neben den Verdammten. Letztere werden in den Höllenschlund gezerrt. Man sollte da gar nicht lange hinschauen. Westlich fällt der Blick auf das Münster St. Paul. 1268 nahm Albertus Magnus die Weihe vor. Dieser ältesten Dominikanerkirche Deutschlands war es beschieden, zeitweilig als Futtermagazin, Holzschuppen und Kelter ihr Dasein zu fristen. Die schnöde Nutzung belastete die Esslinger nicht. Zweckmäßigkeit hatte manchmal eben Vorrang.

So war das "Alte Rathaus" ursprünglich durchaus kein Rathaus, sondern ein Kauf- und Steuerhaus mit Brot- und Fleischlauben. Erbaut wurde das atemberaubende Unikum um 1430. Seine Fachwerkkonstruktion führt vergangene Zimmermannskunst vor Augen. Die Esslinger scherte das wenig. Den Nordgiebel des Hauses ließen sie 1586 vom Stuttgarter Hofbaumeister Schickhardt im Stil der Renaissance umbauen, mit Glockenspiel und astronomischer Uhr bestücken. Und so steht man nun vor einem Gebilde, das nördlicherseits himbeerfarbene Renaissance und südlicherseits rubinrote Gotik zur Schau stellt. Das Stadtmuseum ist im Haus untergebracht.