Dem „Alten Rathaus“ gegenüber steht das „Neue Rathaus“, das keineswegs ein neues Rathaus ist, sondern 1748 von den Freiherren von Palm als Palais erbaut wurde. 1841 ging es in den Besitz der Stadt über. Kronleuchter brennen. Brautleute fahren vor. Heiratstag ist. Vor der hellgelben „Homöopathischen Zentral-Apotheke“ sammeln sich Zuschauer.

Ich bin zu Esslingens vielleicht schönster Stelle unterwegs. Der Weg führt an der Totenkapelle mit Beinhaus aus dem Jahr 1250 vorbei. Just hier ist das Stadtarchiv zu Hause. Ich steige das „Schleifbergele“ hinab. Kein Zweifel, ich bin nach Venedig geraten. Breit dehnt sich der Roßneckar-Kanal. Alte Häuser kesseln den Wasserlauf ein. Mächtige Wasserräder drehen sich. „Lebensgefahr“, warnt ein Schild. Lebensgefährlich wirken die arbeitenden Ungetüme allerdings. Einst trieben sie Pulvermühlen, Walkmühlen, Scnleifmühlen an. In Betrieb gehalten werden sie zur „Anschaulichkeit historischer Techniken“. Höllenspektakel machen sie. Die alten Häuser stört es nicht. Sie spiegeln sich im Wasser. Eines der Häuser war ehemals Stadtbibliothek. Wie ich aus unanfechtbarer Quelle erfuhr, wollten vor vielen Jahren emsige Bibliothekarinnen einige ausrangierte Bücher loswerden. Was lag näher, als sie dem stillen Roßneckar anzuvertrauen. Nach der Tat atmeten die Damen auf. Ebenso emsige Esslinger Buben hatten die Bücher jedoch aus den Fenstern fallen sehen. Wenig später fühlten die Damen sich der Ohnmacht nahe. Nicht nur, daß die vor ihnen stehenden, triefenden Buben getrocknet und mit Kaffee und Kuchen vor weiterer Verkühlung geschützt werden mußten, die Wasserhelden erwarteten zusätzlich wohlverdienten Lohn. Da lagen nun die ungeliebten, tropfenden Bücher und verursachten auch noch Kosten.

Irgendwann gerät der Esslingen-Besucher zu der von Roß- und Wehrneckar umzingelten „Maille“. Für das unbefangene Auge ist besagte Maille ein üblicher, von Kastanien, Platanen und Linden beschatteter Stadtpark. Äußern darf der Gast das nicht. Denn erstens vermag er den Namen nicht mal richtig auszusprechen – „Mallje“ heißt es –, und zweitens sollte er wissen, daß auf diesem Fleck im 17. und 18. Jahrhundert „Paille maille“, eine Art Krocket, eine Lustbarkeit vornehmlich gediegener Bürger, gespielt wurde.

Wer statt zur Maille lieber zum Postmichelbrunnen marschiert, zeigt gleich, wem er sich insgeheim verbrüdert fühlt. Jener Michael Banhard, Postreiter, wurde nämlich ums Jahr 1493 enthauptet. Einen kostbaren Ring hatte er gefunden und herumgezeigt. Der Ring aber gehörte dem ermordeten Esslinger Bürger Amandus Marchthaler. Auf dem Richtplatz durfte Michel noch einmal sein Horn blasen. Danach schwor er, in jeder Michaelisnacht von den Toten zurückzukehren und den Esslingern ins Gewissen zu blasen, bis sie den wahren Mörder gefunden hätten. Michel hielt Wort. Als bleicher Reiter auf bleichem Roß, den Kopf unterm Arm, erschien er Jahr um Jahr. Dem Horn aber entfuhren schaurige Töne. Das zerrte an den Nerven der Esslinger. Dankbar falteten sie die Hände, als Marchthalers Neffe sich als Mörder zu erkennen gab und unmittelbar darauf verschied. Dem Postmichel bauten sie – betrüblicherweise erst 1916 – den Brunnen mit den vier Reliefs, die Szenen aus seiner Lebensgeschichte darstellen. Obenauf sitzt Michel hoch zu Roß und bläst lautlos das Horn.

Der Gast sollte es nicht versäumen, den „Dicken Turm“ aufzusuchen. Unübersehbar weist der 1887 aufgestülpte Turmhelm den Weg. Der Dicke ist unten rund und oben achteckig. Im Achteck befindet sich ein Feinschmecker-Restaurant. Zu erreichen ist der Koloß über die mitten durch Weinberge führende Burgsteige oder über den Wehrgang oder – per Auto – über die stinkvornehme Mülbergerstraße. Zwar nennt sich der Turm „Burgturm“, doch es gab nie eine Burg. Der Dicke gibt sich als Mittelpunkt der seit 1303 vorhandenen Stadtbefestigung. Strebt man ihm entgegen, fällt einem ein, daß der Esslinger „Zwiebel“ genannt wird. Das hängt mit dem Teufel und mit einer Marktfrau zusammen. Bei dem Herrn, der einen Apfel zu kosten begehrte, hatte die Wackere eindeutig einen Pferdefuß aus dem Beinkleid heraushängen sehen. Kurzerhand reichte sie ihm eine saftige Zwiebel. Der Kunde biß hinein. Als er wieder japsen konnte, entrang sich ihm der Fluch: „Zwiebel sollt ihr heißen!“

Höher geht’s. Die Wendeltreppe im Leib des Dicken nimmt kein Ende. Doch endlich steht man im achteckigen Gehäuse. Licht dringt von allen Seiten herein. Ich setze mich ans Fenster. Unten schimmert das Dächermeer, glitzern Türme. Theodor Heuss schrieb 1952 dem Gemeinderat, Esslingen sei „eine Stadt aus dem Musterbuche der Romantik“. Es reicht den Esslingern nicht. Nach wie vor bedauern sie, daß keinem einheimischen Dichter Hymnen aus der Feder quollen. Mag zutreffen. Die gerade servierte Flädlesuppe ersetzt jedenfalls vorzüglich eines Dichters Wort.

Darf man wenigstens zum Abschied äußern, Esslingen sei eine bestechende, aber dennoch kleine Stadt? Besser nicht. Man hätte die gesamte Einwohnerschaft gegen sich. Dieser hinzuzurechnen sind – wie der städtische Prospekt ausweist – 48 Schafe, 58 Pferde, 119 Rinder, 720 Schweine, 370 Bienenvölker und 28 500 Hühner.

Auskünfte: Kultur- und Freizeitamt, Marktplatz 16, 7300 Esslingen, Tel. (07 11) 3 51 35 53.