Kohl bei den Schlesiern: Die Vertriebenen vor den Karren der Politik spannen

Von Gerhard Spörl

Hannover, im Juni

Sich wiedersehen, von früher reden, Bilder herausholen, die einen, die man in sich trägt, und die anderen, die Vergangenes im Photo festhalten. Alle Geschichten, ob sie in Bunzlau oder in Glatz, in Liegnitz oder Schönwalde handeln, beginnen in einer verklärten Vorzeit und enden abrupt in der Katastrophe, als der Krieg zu Ende ging, aber die Vertreibung aus Schlesien erst einsetzte. Auch 40 Jahre danach sind Vertriebenentreffen vor allem und zuerst Vergangenheitsbeschwörung im großen Rahmen, Anrufung eines versunkenen Lebens. Die meisten Menschen, die sich zwei Tage lang in Hannover an den langen Holztischen in den hohen nackten Messehallen niederließen, sind ohnedies in einem Alter, wo das Erinnern von Kindheit und Jugend vom nicht mehr allzu fernen Lebensende beschwert wird. Nie haben sie überwunden, was mit ihnen im Frühsommer 1945 geschah. Weil sie das Leid und Unrecht, das jedem von ihnen widerfuhr, selber nicht vergessen können, wollen sie auch nicht, daß andere es vergessen. Jeder Politiker, der ihnen mit bewegten Worten Achtung und Anerkennung bezeugte, bekam dankbaren, heftigen Applaus.

Sie feiern sich selbst

Zunächst einmal ist das allesganz und gar unpolitisch, eine Selbstfeier, der Wunsch, unter seinesgleichen zu sein, in einer Erinnerungs- und Opfergemeinschaft. Auf allen Tischen – fein säuberlich nach Orten, Straßen, Jahrgängen, Schulen und Firmen getrennt – lagen Namenslisten aus. Die Zahl der im Landsmannschaftsjargon "Abstammungsschlesier" genannten Veteranen wird von Jahr zu Jahr geringer. Das ländlich-bäuerliche und das kleinstädtische Schlesien dominierte sichtlich. Darunter mischte sich nur vereinzelt Bürgerliches von Habitus und Position. Zum Beispiel eine Dame in ihren Fünfzigern, in Breslau groß geworden, dann im Treck auf der Flucht nach Westen, endlich in Oldenburg gelandet. Wo so viele Schlesier in Gedanken heimkehren und andere nicht nur ideellen Anspruch auf die alte Heimat erheben, hält sie eine angenehme Interpretation ihres Doppellebens parat: "Schlesien ist meine Heimat, und in Niedersachsen bin ich zu Hause."

Solche Einzelgänger sind immer wieder zu finden. Jahrzehnte hielten sie sich fern, schließlich schauen sie doch einmal vorbei, getrieben von einem unbestimmten Heimwehgefühl, das dann auch bis zum Überdruß gestillt wird. Ein Transparent an der Stirnseite der Halle verkündete: "Die Heimat ist doch schön!" An den Verkaufsständen, wo Schlesisches von "Feldapotheke"-Schnaps über Kaupke- und Krakauer Wurst bis zu Micksch-Pfefferminzplätzchen angeboten wurde, herrschte unentwegt Gedränge. Es gab alte Briefmarken und Chroniken zu kaufen, Lese- und Liederbücher, Gedrucktes über alte schlesische Sagen und schlesische Originale, Bildbände und Landkarten mit den großdeutschen Grenzen, dazu jede Menge Rechtfertigungs- und Beschwichtigungsliteratur. Selbst ein Kinder- und Märchenfilm, 1942 im Riesengebirge gedreht, zog 600 Zuschauer an. Schlesien, märchenhaft und volkstümelnd – darüber müßte man nicht viel Worte verlieren, man könnte Treffen dieser Art als Selbstsuggestion oder auch, unfreundlicher, als Jahrmarkt für allerlei Lebenslügen verstehen, wenn nicht ein Politikum daraus gemacht worden wäre.