Von Christoph Bertram

Wie immer das Geiseldrama in Beirut ausgeht – zwei schmerzliche Lektionen hat es schon jetzt verpaßt.

Die erste lautet: Es gibt nur selten – und auch dann nur unter glücklichen Umständen – eine militärische Antwort auf terroristische Geiselnahme. Mogadischu und Entebbe waren die Ausnahme. Die Kidnapper von Beirut haben gelernt, daß Geiseln in einem geparkten Flugzeug von militärischen Kommandos befreit werden können. Also versteckten sie die vierzig Amerikaner in den Häuserfluchten und Kellerbunkern der zerrissenen Stadt. Auch die amerikanische Flotteneinheit, angeführt von dem supermodernen Flugzeugträger Nimitz, die mit Flugzeugen, Kanonen und Spezialkommandos vor der Küste des Libanon aufkreuzte, war nicht mehr als eine Demonstration der Ohnmacht. Sie kann Vergeltung üben, wenn die Geiseln frei oder tot sind; sie kann aber nicht ihr Leben retten.

Für die Regierung Reagan ist dies eine harte Erfahrung. Sie hat vom ersten Tag ihrer Amtszeit an auf Nationalstolz und militärische Stärke gesetzt. Ihr sollte nicht widerfahren, was Reagans Vorgänger Carter bis in die letzten Minuten seiner Präsidentschaft zermürbte und Amerikas Selbstvertrauen nachhaltig beschädigte: die Demütigung durch das Revolutionsregime der Teheraner Mullahs, das 444 schwere und drückende Tage hindurch ungestraft und unbelangbar 52 Diplomaten der Weltmacht Amerika gefangen hielt.

Nun aber konnte die selbstbewußte Regierung Reagan auf die erste Entführung eines amerikanischen Flugzeuges seit jenen Tagen nicht anders reagieren als das Team des glücklosen Vorgängers: mit hilflosem Zorn. Gegen Ende des vergangenen Jahres hatte Außenminister Shultz noch glauben wollen, es gäbe eine Alternative: "Wir dürfen es nicht zulassen, daß wir zu einer Art Hamlet unter den Nationen werden, der sich endlos damit herumquält, ob und wie zurückgeschlagen werden soll. Eine große Nation mit globalen Verpflichtungen kann es sich nicht leisten, durch Verwirrung und Unentschlossenheit in Mitleidenschaft gezogen zu werden." Aber die Alternative gibt es nicht. Auch Israel, von Shultz als Vorbild in der Terroristenbekämpfung gefeiert, hat das Gegenmittel nicht gefunden. Um drei seiner Soldaten aus den Händen einer feindlichen Palästinensergruppe zu befreien, ließ Jerusalem in diesem Mai über tausend Inhaftierte frei, darunter viele rechtskräftig verurteilte Terroristen. Kein Land, ob groß oder klein, und wie immer es sich letztlich entscheidet, kann von vornherein Verhandlungen mit den Mordbuben ausschlagen, wenn es um das Leben von Unschuldigen geht.

Die zweite Lehre ist nicht weniger bitter: Die Vereinigten Staaten haben sich unter Ronald Reagan in ihrer Nahostpolitik zu lange darauf beschränkt, Israel gewähren zu lassen. Auch jetzt müssen sie eine Suppe auslöffeln, die Israel innen eingebrockt hat. Die siebenhundert Schiiten in israelischen Lagern, deren Freilassung die Flugzeugentführer mit ihrer Schreckensaktion erpressen wollten, hätten weder im April von den aus dem Libanon abrückenden israelischen Truppen mitgeschleppt noch so lange festgehalten werden dürfen. Nun wurde die erste Macht der Erde von einer Handvoll fanatischer, brutaler Verbrecher herausgefordert, das zu tun, was längst überfällig war, nämlich den israelischen Verbündeten an die Zügel zu nehmen. Eine klare, eigenständige Nahostpolitik würde die Vereinigten Staaten nicht aus der Schußlinie der Terroristen nehmen, aber hur sie könnte dazu beitragen, daß die Friedlosigkeit, in der die Killerbrut gedeiht, nicht das Dauerschicksal des Libanon bleibt. Und nur sie kann erreichen, daß Amerika künftig für die eigenen Überzeugungen, nicht aber für Fehler des israelischen Verbündeten den Kopf hinhalten muß.

Gewiß fällt es mitten in der Krise immer schwer, die richtigen Lehren zu ziehen. Nur zu verständlich sind die Wut und die Empörung der öffentlichen Meinung Amerikas. Der Zorn darüber, daß amerikanische Staatsbürger kaltblütig ermordet und mit vorgehaltener Pistole zur Geiselhaft und möglicherweise zum Tode selektioniert werden, packt nicht nur Amerikaner. Der Terrorismus wird nicht deshalb weniger gefährlich für uns alle, weil er sich vornehmlich amerikanische Opfer sucht.