Zwei Rehe springen durch den deutschen Wald. Hinter den dicken Fichtenstämmen lauert ein Jäger. Der Jäger von Fall kann er nicht sein: er wird von einem farbigen Amerikaner begleitet: Jack, der Militärpolizist, und ein deutscher Abiturient namens Kolp wildern im Odenwald.

Die Szene spekuliert mit den Klischees des alten Heimatfilms, den Tieren des Waldes, den Bäumen der Gegend, dem Wild und dem Wilderer. Was fehlt: die finsteren Bauerngesichter. Hier wildern ein schüchterner Gymnasiast und ein Mann aus den Staaten. Das Genre ist hin. Aber das wußten wir schon.

Ein langer Schwenk über die Hügel des Odenwaldes, wieder eine Szene aus einem Heimatfilm. Aber die Stimmen der Holzfäller, die Lieder der Vögel hört man nicht. Ein Discjockey beginnt seine Moderation: „Stewart Baker, AFN Frankfurt. Get into mood.“ Der Amerikaner serviert Schlager für Soldaten und, weil er in Deutschland arbeitet, auch Hits für Fritz. Er spielt gerade „Sentimental Journey“. Der Heimatfilm scheint falsch synchronisiert. Die Sache wird spannend.

Frank Roths und Roland Suso Richters erstaunlicher Debütfilm „Kolp“ spielt in jener Zeit, als man für eine Schachtel „Lucky Strike“-Zigaretten und eine Packung Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack selbst in Lützbach fast alles bekam. Auch im Odenwald hatte 1947 der Peppermint-Frieden begonnen.Hans Kolp war in der kleinen Stadt Primaner, als das Dritte Reich zu Ende war und die Zeit der Republik noch nicht begonnen hatte. Als man alles irgendwie „organisierte“, wurde er zum Haupt einer Bande von Jugendlichen, die in gestohlenen amerikanischen Uniformen und Militärwagen Schwarzmarkthandel trieben. Nach der Währungsreform, als plötzlich ein neues Recht galt, vermuteten die Amerikaner hinter der Schwarzmarktbande eine Widerstandsbewegung. Auf der Flucht in französisch besetztes Gebiet, von seinem Hehler an die Amerikaner verraten, trifft Kolp mit seiner Primanerliebe, dem Flüchtlingsmädchen Hilde (Katja Flint), auf eine amerikanische Straßensperre. Damals starb Kolp.

Man muß das so nacherzählen, weil Roths und Richters Film, der trotz des geringen Etats von 200 000 Mark ein Ausstattung und ein Kostümfilm im Kleinen ist, sich mit großer Ruhe und Präzision vor allem auf die (wahre) Geschichte, auf das Epische konzentriert. Frank Roth spielt die Titelrolle diskret, persönlich, falls das Wort noch möglich ist: sensibel. Es gibt einen jungen Schauspieler zu entdecken.

Dafür bleibt manches andere im dunkeln. Schon bald nach Beginn des Films wird Jack in die Staaten zurückbeordert. Kolp ist über alle Maßen traurig. War Jack eine erotische Irritation? „Amerikaner können tun und lassen, was sie wollen“, sagt Kolp später. Sie haben die „Lucky Strike“. Wenn der amerikanische Soldat verschwunden ist, versucht Kolp Amerika zu spielen. Im tiefen Wald hat er ein Lager aus Holz gebaut, für sich und seine Schmugglerbande. Das sind Szenen wie aus Schillers „Räubern“. Hans Kolp ist kein Manager des neuen deutschen Traums von Amerika, sondern ein idealistischer Räuberhauptmann aus dem 18. Jahrhundert, der nicht Geschäfte sondern Abenteuer machen will. Kolp wollte Jack doubeln. Das ging gründlich daneben. Sollen wir Kolps Affäre als den Beginn unserer amerikanischen Beziehungen verstehen? Der Film schweigt.

Kolp ist eine Charakterrolle. Wer sie durchhielt, wurde in der neuen Republik zum Verbrecher. Eben war der Mathematiklehrer noch mit einer Schachtel Zigaretten zu bestechen. Ein paar Wochen später setzt er wieder sein bürgerliches Gesicht auf. Währungsreform. Es geht wieder aufwärts, auch mit der Moral, mit der es jederzeit auch wieder abwärtsgehen kann. Kolp aber spielt immer noch Karl Moor. Er ist ein Charakterdarsteller, kein Verwandlungskünstler. Kolp kann kein Bürger werden. Schon jagt man ihn: „Wanted! Kolp!“

„Kolp“ – das ist die Sehnsucht nach dem Heimatfilm und einer besseren Republik. Schon nach 1945, als Blut und Boden beseitigt waren, gab es diese Sehnsucht. Man hat den „Förster vom Silberwald“ immer nur belächelt und hätte doch besser bedacht, daß alle diese Schnulzen zusammen eine Tragödie ergeben: Suche nach Heimat in der neuen Republik. Auf der Suche nach Heimat in der rasch gealterten Republik ist das jugendliche Regieteam von „Kolp“, ein Aussteiger- als Kostümfilm. Schon beim Münchener Filmfest vor einem Jahr wäre Roths und Richters Debüt zusammen mit Edgar Reitz’ „Heimat“ zu entdecken gewesen. Jetzt kommt „Kolp“ verspätet in die Kinos.

Helmut Schödel