Können alternative Modelle in normalen Betrieben funktionieren?

Von Matthias Horx

Sie ist so etwas wie die Seele des Betriebs, die 52jährige Buchhalterin und Mutter von zwei schon fast erwachsenen Kindern. Seit 25 Jahren arbeitet sie in dieser Firma. Heute ist sie dem Weinen nahe. Die Stimmung im Betrieb ist katastrophal. In der Werkhalle ist "die Luft zum Schneiden", in der Kantine wird geschrien oder gespannt geschwiegen, es kursieren Gerüchte, daß ein größerer Teil der Belegschaft hinter der Hand mit Kündigung droht.

Die Frau versucht dennoch, Mut zu machen: "Was erwarten wir denn", sagt, nein schreit sie den ratlos im Verwaltungsgebäude Versammelten zu. "Ein Jahr haben wir überlebt. Ist das etwa nichts? Wir wußten doch, daß es schwierig werden würde. Ihr seht immer nur das Negative."

  • Selbstverwaltete Produktion ist offenbar alles andere als frei, emanzipatorisch, glücklich. Innerhalb dieser "anderen Fabrik" gibt es nervenzerreißende Konflikte. Sie liegt im Hafenviertel Bremens, unweit der AG Weser, jener stillgelegten Werft, die vor einem Jahr für Schlagzeilen sorgte. Eine graue Betonhalle, daneben ein Backstein-Verwaltungsgebäude. Noch weist eine verbleichende Signatur darauf hin, daß hier einst die schwäbische Papiermaschinen-Firma Voith ein Zweigwerk unterhielt. Das übliche: Menschen und Maschinen überaltert, unrentabel, Betrieb geschlossen, ein Sozialplan mit Abfindungen zwischen zehn und fünfzigtausend Mark. Das war ebenfalls vor einem Jahr.

Aber anders als in vielen ähnlichen Fällen rührte sich etwas, womit die Gewerkschaften wenig, die ehemaligen Besitzer schon gar nichts anfangen konnten: "Selbstverwaltung" lautet das irgendwie nach Aufruhr, kleiner Revolution klingende Zauberwort.

Heute arbeiten 35 Arbeiter und Angestellte unter dem Signum "AN-Maschinenbau und Umwelttechnik" wieder in ihrer Fabrik – 35 von einst 170. Der Bremer SPD-Senat hat die Hallen gepachtet, die Maschinen für eine halbe Million gekauft und den Arbeitern zur Verfügung gestellt. Die schlichte Rechnung dahinter: Arbeitslosigkeit kostet mehr.