Von Benedikt Erenz

Heiner Geißler würde vor Freude erröten: Eine richtige Familie. Drei Generationen unter einem Dach, gemeinsames Planen und Schaffen, gemeinsames Leben und fröhliches Tun. Opa und Oma, Vater und Mutter und die lieben Kleinen. Der Vater: mittelständischer Unternehmer, katholisch geprägt, pflichtbewußt, fleißig, mit dem Mut zum Risiko auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – einer aus des Kanzlers biederstem Gefolge. Doch wie wird es dem Herrn Geißler schlecht, erfährt er den Namen dieses trauten Glücks: Böll.

Ach, wie schade. Da ist für die christlichen Demokraten natürlich nichts mehr zu holen. Was hier, im Lamuv Verlag, entsteht, macht sich denn ja auch höchst unerfreulich. Tendenziöses Schrifttum, Agitprop, die Nähe zum terroristischen Umfeld unübersehbar. Eine Familie? Eine kriminelle Vereinigung. Während der Schleyer-Entführung, berichtet René Böll, tauchten hier die Spitzel auf und bewachten das Haus.

Das Haus: Auf der linken, auf der jakobinischen Seite des Rheins zwischen Köln und Bonn, verborgen An den Falten einer sanft geformten, einmal schön gewesenen Obstgartenlanaschaft, die in zehn Jahren, da darf man sicher sein, vollkommen zerstört und zersiedelt sein wird, liegt Bornheim-Merten, und darin, fast noch im Schatten des Kirchturms, das verlassene Kino des Ortchens, in dem René Böll vor acht Jahren den idealen Platz fand, sein Verlagsnest zu bauen. Gleich daneben leuchten die frisch getünchten dreihundertjährigen Mauern eines Fachwerkhauses. Dort wohnt jetzt Heinrich Böll, der Vater, der Großvater, nachdem er seine Heimatstadt, die dunstige Abgestorbenheit Kölns, nicht länger ertragen konnte. Wo der kleine Vorführsaal war, liegt die Wohnung der jungen Familie, im Raum des Operators steht der Schreibtisch René Bölls, die Treppe hinunter, im Foyer, wurde die Verwaltung untergebracht. Ein Anbau dient als Speicher, hier lagert das Korn, die Ernte, das, worum auf diesem Familiengut alles kreist: die Bücher.

"An die zwanzig Neuerscheinungen im Jahr sind fast schon ein wenig zu viel für uns", findet René Böll und ruft auf seinem Tischcomputer schnell einmal die gängigsten Titel ab: an der Spitze Bölls "Bild-Bonn-Boenisch", das, im vorigen Jahr bei Lamuv erschienen, inzwischen ins achtzigste Tausend geht. Drei feste Mitarbeiter hat René Böll – und viele Verwandte. Als er 1975 den Verlag gründete – gerade die Kölner Werkkunstschule hinter sich und unter seinem Künstlernamen "Muta" bereits auf mancherlei Ausstellung vertreten –, zusammen mit seinem Freund Michael Labbé (daher der Name: "La"-bbe +"mu"-ta + "v" für Verlag), da dachte er noch nicht daran, was einmal daraus werden könnte.

Eine kleine Handpresse, mehr so nebenher, eine Ecke im Atelier. Doch schon nach den ersten Büchern (ein Band mit Gedichten Heinrich Bölls und Collagen Klaus Staecks, eine Sammlung von Texten des angolanischen Politikers Augostinho Neto) war ihm klar: hier mußt man Ernst machen mit dem Verlegen oder aufhören. Vor allem seit dem großen Erfolg des Buches "Wenn man mir erlaubt zu sprechen... –Das Zeugnis der Domitila, einer Frau aus den Minen Boliviens" von Moema Viezzer (das Buch ist immer noch im Programm, inzwischen im fünfzigsten Tausend) wußte Böll, daß er dieses Unternehmen, auf das er sich da eingelassen hatte, nicht "nebenher" machen konnte. 1978, nachdem Michael Labbé das Abenteuer zu anstrengend wurde, entschloß sich der junge Künstler zum Alleingang. Seitdem entwickelt er ein von Jahr zu Jahr bunteres, reicheres spannendes Programm.

Eine "linke Mischung" – wie es auf den ersten Blick scheint. Lateinamerika, Neonazismus, Pazifismus, Indianer, Türkei, Südafrika und dann und wann ein kleiner Band von Heinrich Böll, dessen "große Sachen" ja weiterhin bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen. Wie kommt das alles zusammen?

Erstens (und letztens) gibt es eine große Familie. Da hat Annemarie Böll, die Mutter, zusammen mit ihrem Mann Zindzi Mandelas Gedichtband "Schwarz wie ich bin" übersetzt und Ehefrau Carmen Alicia Böll, eine gebürtige Ecuardorianerin, half René, Domitilas traurigen Lebensbericht ins Deutsche zu übertragen. Alle zwei Jahre reist René Böll in die Heimat seiner Frau, die zugleich auch die augenblickliche Heimat seines Bruders Vincent ist. Der arbeitet dort im Auftrag des Entwicklungsdienstes als Architekt. Daß die jüngsten Bölls zweisprachig aufwachsen, versteht sich von selbst.

Da kommt tatsächlich einiges zusammen! Und mehr noch: es ist diese intensive familiäre Konspiration, die den besonderen Geist des Unternehmens Lamuv ausmacht. Die Bücher, die hier erscheinen, sind Bücher von Familienmitgliedern Die Autoren: Domitila, eine Frau aus den Minen Boliviens, Anna und Lena, zwei Dienstmädchen aus Lima, Antenor Flores, ein chilenischer Bergarbeiter im Exil, Caroline Maria de Jesus, die Frau aus den Favelas São Paulos – sie alle gehören zusammen, sitzen an einem Tisch mit Tomas O’Crohan, dem irischen Fischer, mit Okani, einer Frau aus Papua-Neuguinea, mit einer türkischen Familie in der Bundesrepublik, mit Bahumir Wongar, einem Ureinwohner Australiens. Es ist ein großer Tisch im Hause Lamuv, im Hause Böll. Die "linke Mischung" entpuppt sich als ein temperamentvolles Tischgespräch zwischen aller Rassen und Nationen, Kulturen und Kontinenten, Auch die deutschen Themen werden hier bedacht Alwin Meyer und Karl-Klaus Rabe befragen junge Neonazis zu ihrem unbegreiflichen Tun, Heinrich Böll spricht mit Lew Kopelew über eine unbegreifliche Vergangenheit ("Warum haben wir aufeinander geschossen?") und mit Heinrich Vormweg über Leben und Literatur in unserer Republik ("Weil die Stadt so fremd geworden ist"); ein Band mit Gedichten Peter-Jürgen Boocks, der in Stammheim zu dreimal lebenslänglich plus 15 Jahren verurteilt wurde, erscheint im Herbst. Die ganze Welt an einem Tisch. Daß die, die nichts zu essen haben, die, die versklavt sind und die, die verfolgt werden, sich dazusetzen, daß geteilt wird, was auf den Tisch kommt, daß jeder mitreden darf – das ist die im kleinen Rahmen des Verlagsprogramms praktizierte Wirklichkeit, das ist die heimliche große Utopie des Lamuv Verlags. Eine Welt: ein Tisch, an dem alle Platz haben, ein runder Tisch, ohne Vor-Sitzenden und Hinterbänkler, ohne Diener und Kellner.

Doch die Leser, die Zuhörer, die heimlichen Teilhaber an diesem Symposion – sind das nicht alles bekannte Gesichter? Ist das nicht eine Gemeinde, die sowieso schon Bescheid weiß? Daß seine Bücher in der taz oder in der Süddeutschen besprochen werden, ist für den Kaufmann im Verleger erfreulich, für den Aufklärer Böll ein wenig betrüblich, wenn er zugleich erfährt, daß die Lokalzeitungen, die Zeitungen des Volkes ihn ignorieren, daß eines der größten Morgenblätter der Republik, die Essener WAZ (Gesamtauflage: über eine Million), es sich verbittet, von weiteren Prospekten und Mitteilungen des Verlages belästigt zu werden. Die Arbeiter im Revier, meint man wohl in dieser "Zeitung des Reviers", interessieren sich nicht sonderlich für ihre Kollegen in Kolumbien, Alfred aus Herne spricht nicht mit Alfredo aus Medellín.

Ein politischer Verlag ist für Böll kein Verlag der Parteiprogramme und Pamphlete, kein Verlag, der von der Abgrenzung lebt, sondern ein Ort, wo Verbindungen hergestellt werden, Verbindungen zwischen denjenigen, die nur zu oft Objekte, nicht Subjekte der Politik sind. Politische Bücher machen, heißt: Verwandtschaft zu stiften zwischen denen, die getrennt werden, zwischen den Opfern der Herrschenden, den Opfern jener, die zerteilen, um zu herrschen.

"Ich habe einmal einen armseligen verbrannten Minenarbeiter verpflegt, sechs Wochen oder zwei Monate lang, ich habe mein Essen einen ganzen Winter mit einem alten Manne geteilt, ich weiß nicht, was noch mehr ... Aber ich glaube bis heute noch nicht, daß so etwas verrückt oder schlecht ist, ich finde vielmehr, es ist etwas so Natürliches und Selbstverständliches, daß ich nicht begreife, wie die Menschen für gewöhnlich so gleichgültig gegeneinander sein können", schreibt Vincent van Gogh 1882 an seinen Bruder Theo. Eine Ausgabe der Briefe des Vincent van Gogh, der seines Priesteramtes als "Evangelist" in dem belgischen Kohlebergwerksdistrikt Borinage rasch enthoben worden war, weil er das Evangelium zu wörtlich genommen hatte, erscheint in diesem Herbst als großer sechsbändiger Reprint im Lamuv Verlag. Einer mehr am Tisch, der von Unterdrückung und Hunger, von der Trauer und den Qualen derer zu berichten weiß, die an die Seite gedrängt werden, in die Krankheit, in den Wahnsinn,

Als ich das Haus in Bornheim-Merten, in der Martinstraße 7, verlasse, habe ich das merkwürdige Gefühl, verwandt zu sein. Verwandt – mit wem? Mit vielen, die ich nicht einmal dem Namen nach kenne.