In Madame Tussauds Abstellkammer: Wo die Ausgedienten Ruhe finden

Von Reiner Luyken

London

Was steht zwischen dem Tod und der Vergänglichkeit? Der Ruhm – wie verdient, wie zweifelhaft oder wie unverhofft er auch immer ist. Manchmal hält er für lange Zeit vor: man denke nur an den alten Salomon. Oft schiebt er die Zeitlichkeit nur um wenige Tage hinaus. So ergeht es meist den Opfern aufsehenerregender Mordfälle. Und häufig ist er schon lange wieder verblichen, bevor sein stolzer Träger den Weg allen Fleisches geht.

Wie dem auch sei, der Ruhm, selbst das Strohfeuer kurzfristiger Berühmtheit, manifestiert sich in der alten Sitte, die geronnenen Züge der very important persons, kurz VIPs genannt, den staunenden Blicken der Menge darzubieten. Wer seine zur Unbeweglichkeit erstarrte Gestalt gar im weltbekannten Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud ausgestellt weiß, der braucht sich über mangelnde Bewunderung wahrhaftig keine Sorgen mehr zu machen.

Doch immer wieder drängen neue Zeitgenossen, welche die Wallungen des Zeitgeistes aus der Anonymität hervorgespült haben, in die geheiligten Hallen an der Londoner Marylebone Road. Seien es nun Politiker oder Mörder, Künstler oder Schaumschläger – sie alle beanspruchen einen Platz in der Arena des Ruhms. Und da müssen die alten, die ausgedienten und verschlissenen Stars von gestern halt weichen.

In einem kleinen Dorf in der Grafschaft Somerset, in Wookey Hole am Fuß der Mendip Hills, unterhält das Tussaud-Museum sein Magazin. Früher diente dieser Dachboden einer victorianischen Papiermühle als Trockenspeicher. Jetzt starren hier zweihundert in Regalen aufgereihte Gesichter der Vergangenheit mit impertinenter Eindringlichkeit in zweihundert imaginäre Punkte des Raumes.