Wo viel versprochen wird, da ist nicht immer viel zu versprechen. Nicht weniger als "das Kunst-Abenteuer" war verheißen. Und das klang wie der Hufschlag dieses zerknitterten Einöd-Reiters im Kino, der seine rätselhaften Härtetests allein um den Preis einer Filterzigarette besteht.

Plakathilfe für die "Art", für Basels Internationale Kunstmesse. Traut man allmählich – im sechzehnten Jahr – den eigenen Kräften nicht mehr alles zu? Die Messewoche selber hat die Image-Stützung kaum begründen können. Noch immer ist die "Art" weltweit die größte, stabilste und umsatzverläßlichste Kunstmesse.

Ein unverwüstlicher Termin. Kein anderer zieht so regelmäßig rund dreihundert Galeristen an, so viele Sammler, Museumsleute, Kritiker und den gesamten Troß der Kunsttouristen. Es ist der sich alljährlich wiederholende Triumph der Kunstmarktidee aus den späten sechziger Jahren. Und darüber hinaus vielleicht die schönste Bühne für den Sozialtypus des entfesselten Kulturmenschen, jenen ambulanten Vertreter der Füllmasse "Publikum", wie er vorgestern bei Wenders im Kino saß, gestern bei der Sloterdijk-Lesung in der Buchhandlung und heute mit rosafarbenem Binder und großgemustertem Beinkleid in die Messehallen zur "Art" einfällt. Weder Avantgarde-Launen noch Marktmachinationen haben ihn von seinem unbeugsamen Kulturhedonismus abbringen können und auch, daß die Basler Kunstmesse in diesem Jahr so gar keine verbindlichen Gesprächsthemen aufnötigte, daß sie nicht großflächig irgendein saisonales Kunstdiktat plakatierte, hat ihn in seinem kulturellen Wir-Gefühl nicht getroffen. Dann waren es halt die Wonnen der Kunstgewöhnlichkeit, dei den Besuch in Basel vollauf gerechtfertigt haben.

Kein "Abenteuer" also, eine ganz durchschnittliche Kunstmesse, nicht arm an alten Hüten und nicht gerade gesegnet mit jener Motorik, die die Kunst zur fortgesetzten Selbsterneuerung treibt. Auf irgendeinen Trend hat sich diese Messe nicht einigen wollen. Darin war sie keuscher als noch der letzte Kölner Kunstmarkt oder die vorangegangene "Art", wo die neuexpressive Figuration die besten Plätze besetzt hielt. Die jüngere Kunst, von der mitunter ein allzu gefaßtes Erscheinungsbild gegeben wurde, wird wieder differenzierter vermittelt. Ein Reflex auch auf dem Weg mancher Künstler, der da und dort aus der Gruppenuniformität führt. Deutlich zum Beispiel in der Werkentwicklung von Volker Tannert oder Markus Lüpertz.

Der offener gewordenen Perspektive entspricht auch die beliebte Mischkalkulation: Vorne auf dem Stand der Aktualitätsnachweis: Salome, Fetting, Zimmer und Chia. Und im Hinterstübchen die Preziosen von Kirchner und Jewlensky. Die Preisunterschiede dabei sind kaum erheblich. Solch’ doppelte Buchführung garantiert zwar nicht den Erfolg, aber erhöht die Chancen. Zumal, wenn sich alle mehr oder weniger an die Spielregeln halten. Und er ist tatsächlich rar geworden, jener Galerist der kompromißlosen Spezies, der stoisch über die Bilder "seines" Künstlers wacht – oft tagelang unbesucht in seiner Koje, und der nichts heimbringt außer Schulden und sein intaktes Ich-kann-nicnt-anders-Gewissen. Auf ihn, auf sein mannhaftes Engagement, auf die vielen sogenannten "one man shows", war die Basler "Art" zurecht einmal besonders stolz gewesen. Stolz auf die namhaften US-Galerien, die einst dem Kunstmesseplatz Schweiz ihre jährliche Aufwartung machten – und mittlerweile fast ausnahmslos zu Hause geblieben sind. Stolz auch auf das kapitale Angebot klassischer Moderne, die sich dieses Jahr längst nicht mehr in der gewohnten Dichte präsentiert hat. Marktveränderungen, für die jeweils spezifische Gründe gelten mögen, die aber auch als Signal verstanden werden können für die (augenblicklich?) massive Vormacht jenes geschmeidigen Kunsthändlertums, das sich mit kurzlebigem, unbeschreiblich flachsinnigem Bildallerlei ("cross culture") einer verwöhnt vermögenden, unwählerisch genußbesatzten Klientel anzudienen versteht.

Hans-Joachim Müller