Alois Mertes war immer ein eigenständiger und grüblerischer Denker. Er besaß einen akribischen Kenntnisreichtum in der Außen- und Sicherheitspolitik und focht auf diesem Felde mit großer Gesinnungstreue, beseelt von dem Villen, in der auswärtigen Politik vor allem der Moral und dem Recht einen hohen Rang zu verbürgen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Mertes verdankte diesen Charakteristika und seinem liebenswürdigen Naturell hohes Ansehen – über alle Parteigrenzen hinweg. Zumal er, zunächst zehn Jahre lang in der Opposition und seit Herbst 1982 als Staatsminister im Auswärtigen Amt, stets ein geschliffener Debatter war, ein Mann des toleranten Dialogs, der Außenpolitik als Filigranarbeit betrieb.

Der Tod dieses Mannes – er starb am vergangenen Wochenende im Alter von 63 Jahren – macht bewußt, daß ein Politiker seiner Statur auf der Bonner Bühne eine fast singuläre Erscheinung war: mit Haut und Haar dem politischen Metier ergeben, doch ohne den verzehrenden Ehrgeiz, funktionale Macht auszuüben. Der ehemalige Karrierediplomat vertraute vielmehr auf die Überzeugungskraft seiner gedanklichen Strenge. Daß ihm beamtenhafte Zurückhaltung, in der Deutschlandpolitik gelegentlich auch juristische Pedanterie zugeschrieben wurden, verwirrte ihn nicht. Seiner Philosophie entsprach es, lieber mit einem Pfeil ins Schwarze zu treffen als mit einer Granate ins Blaue zu schießen. Zu Helmut Schmidts Zeiten trug er hierzu als herausragender außenpolitischer Sprecher der CDU in besonderem Maße bei, indem er mit anderen für eine positive Haltung seiner Partei zur Ostpolitik eintrat.

Als Staatsminister, ein Amt, in dem er operativ kaum zum Züge kam, verlegte Mertes sich in erster Linie auf die Formulierung außenpolitischer Analysen und Prinzipien. Mertes war immer erfüllt von der Passion, politische Entwicklungen und rechtliche Konstellationen in der Perspektive eines geteilten Landes notfalls auch kontrastreich darzustellen, oft hart an der Grenze des unnachgiebigen Pädagogen, der begriffliche Laxheiten gerade in östlicher Richtung, wie er sie in Egon Bahrs Schlagwort von der Sicherheitspartnerschaft sah, nicht durchgehen lassen wollte, sie sogar als eklatante Gefahr für die Außenpolitik betrachtete.

Mertes war ein konservativer Politiker, ein Katholik mit liberalen Zügen, wie sie im Rheinland Tradition sind. Er war ein aufgeklärter Patriot, überzeugt von einer unauflösbaren Bindung an den Westen und einer unentbehrlichen aktiven Friedenssicherung mit dem Osten. Alois Mertes war in Bonn nie ein Dirigent. Doch als Solist von hohen Graden war er anerkannt, geschätzt und völlig unentbehrlich. Kurt Becker