Eine Anhörung im Bundestag setzt neue Zeichen

Von Wolfgang Hoffmann

Wenn Entwicklungsminister Jürgen Warnke für bare Münze nähme, was gut ein Dutzend sachverständige Entwicklungshelfer letzte Woche vor Abgeordneten des Deutschen Bundestags ausgeführt haben, müßte er seine Politik in Teilen neu definieren: Statt in der Dritten Welt Brücken, Autostraßen, Eisenbahnen, Staudämme, Banken und Fabriken mit modernsten Technologien zu fördern, müßte Warnke seine Milliarden umlenken – in kleine bäuerliche, handwerkliche und gewerbliche Betriebe. Dies ist das Fazit einer öffentlichen Anhörung von Entwicklungshilfeexperten durch den Bundestagsausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Nachdem über mehr als zwei Jahrzehnte vergeblich versucht wurde, die Unterentwicklung der Dritten Welt durch forcierte Industrialisierung zu überwinden, wähnen immer mehr Entwicklungshelfer, den Habenichtsen auf der Welt sei nur noch nach der Devise "small is beautiful" zu helfen. Die in Bonn versammelten Experten – der politischen Stiftungen, Kirchen, privater und staatlicher Hilfsorganisationen und Banken – gaben jedenfalls einhellig zu verstehen, daß Kleinbauern und Kleingewerbetreibende in den Entwicklungsländern eine zentrale Rolle spielen.

Allerdings ist ihre Bedeutung lange verkannt worden. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), eine Staatstochter des Enwicklungsministeriums kommt zum Ergebnis: "In den 60er und 70er Jahren haben die meisten Entwicklungsländer auf die Förderung moderner Mittel- und Großindustrie gesetzt, während die Landwirtschaft, der allgemeine Dienstleistungsbereich, das Handwerk und das Transportwesen in den ländlichen Gebieten konsequent vernachlässigt wurden. Diese Politik hatte zur Folge, daß die Armut der ländlichen Bevölkerung rapide anstieg und ein Zwang zur Arbeitsimmigration in die zentralen Städte ausgelöst wurde, ohne daß der sogenannte moderne Sektor dort die nötigen Arbeitsplätze bereitstellen konnte." Was in diesem Bekenntnis verschwiegen wird, ist freilich die Tatsache, daß auch die helfenden Industrieländer nur zu gern auf die Großindustrialisierung setzten, weil nur so die bereitgestellten Entwicklungsgelder auf dem Umweg über Großaufträge an die heimische Industrie wieder in ihre Taschen zurückflossen.

Dabei sind gerade die kleinbäuerlichen und kleingewerblichen Wirtschaftsformen die Existenzgrundlage für die Masse der Bevölkerung der Dritten Welt. In einem Papier des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik heißt es: "In der Mehrzahl der Entwicklungsländer arbeiten durchschnittlich 80 Prozent der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung in kleinbäuerlichen, handwerklichen und kleingewerblichen Betrieben". Die Experten des "Bensneimer Kreises", eines Zusammenschlusses von 27 nichtstaatlichen Enwicklungsorganisationen, schätzen diesen Sektor ebenfalls hoch ein: "Im Gegensatz zu modernen Industriebetrieben, die auch in den Entwicklungsländern meist mit relativ aufwendigem Maschinenpark oft nur für die Bedürfnisse der Oberschichten produzieren, wird im Kleinstgewerbe, einem teils traditionellen, teils modernen Sektor, unter Verwendung lokaler Rohstoffe, lokal verfügbarer Arbeitskräfte und beschränkten technischer und finanzieller Ausstattung, für den lokalen Markt produziert."

Die Vorzüge der "Kleinen"