ZEIT: Frau Dr. Hamm-Brücher, im Juni 1970 wurde der Bildungsbericht ’70 verabschiedet. Sie waren damals als Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium federführend daran beteiligt. Im gleichen Monat wurde die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK) eingerichtet. Welche Hoffnungen knüpften Sie an diesen Beginn?

Hamm-Brücher: Es ist für mich im Rückblick eine sehr erfreuliche Erinnerung, wie rasch und konzentriert die damals neue sozial-liberale Koalition an die Konkretisierung des in der Großen Koalition geschaffenen Grundgesetzartikels 91 b herangegangen ist. Da stand drin, daß Bund und Länder in der Bildungsplanung zusammenwirken können. Wir haben damals gehofft, daß eine gemeinsame Einrichtung von Bund und Ländern, die BLK, ein Instrument sein könnte, mit dem eine bessere Koordinierung der Bildungsplanung und damit der Entwicklung unseres Bildungssystems auf den Weg gebracht werden könnte. Und als "Mitgift" des Bundes für eine gemeinsame institutionalisierte Bildungsplanung haben wir uns vorgenommen, einen "Bildungsbericht der Bundesregierung" zu schreiben, das heißt konkret zu sagen, welche Reformschritte und Veränderungen wir uns vorstellen würden. Dieser "Bildungsbericht" entsprach weitgehend den Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates. Damit hofften wir, mit den Ländern zu konkreten Ergebnissen zu kommen. Ich habe den "Bildungsbericht ’70" häufig eine Art Habilitationsschrift von mir genannt.

ZEIT: Könnten wir den Bericht noch einmal kurz Revue passieren lassen?

Hamm-Brücher: Die Grundidee war, wie es gelingen könnte, unser Bildungssystem in seinem Aufbau, in seiner Struktur, aber vor allem in seinem Angebot demokratischer und damit chancengerechter zu gestalten. Das war damals allgemeiner Konsens. Die konservativen Bundesländer waren Mitte der sechziger Jahre auf der 100. Kultusministerkonferenz übereingekommen, daß hier ein großer Nachholbedarf vorhanden sei. Daß in unserem gegliederten Schulsystem Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien ungewöhnlich schlechtere Bildungs- und Aufstiegschancen hatten, war anerkannt.

ZEIT: Bei dieser Einsicht aber konnte man es nicht belassen?

Hamm-Brücher: Nein, damals gab es ja beispielsweise nur für einen ganz geringen Teil der Vorschulkinder Kindergartenplätze. Und der Kindergarten war überwiegend Bewahranstalt und nicht auf vielseitige Förderung angelegt. So wurde Vorschulerziehung der erste Einstieg in ein offenes, chancengerechteres Bildungssystem. Dann haben wir die Grundschulpädagogik aufgegriffen, um dort das Prinzip der Förderung statt vorzeitiger Auslese einzuführen. Als ein Scharnier zwischen Grundschule und weiterführenden Schulen wurde eine zweijährige "Förderstufe" vorgesehen, denn Gesamtschulen waren zunächst als Versuche und nicht als Regelschule geplant. Sehr wichtig waren uns die gleichwertigen Abschlüsse nach dem zehnten Schuljahr. Und was mir besonders am Herzen lag, war die Gleichwertigkeit von beruflichen und allgemeinen Bildungsgängen, aber auch Angebote für "lebenslanges Lernen" und ständige Weiterbildung.

ZEIT: Nun muß man nüchtern feststellen: Viele dieser Ziele sind nicht verwirklicht. Stimmt Sie das resigniert?