Bonn, im Juni

Drei Hamburgerinnen, die sich erinnern, drei persönliche Schicksale, die nicht typisch sind, aber beispielhaft: Ida Ehre, die Prinzipalin der Kammerspiele – sie überlebte die Nazizeit in Hamburg in einem Versteck. Elsbeth Weichmann, die Frau des späteren Hamburger Bürgermeisters, Herbert Weichmann, wanderte 1933 aus. Loki Schmidt: Sie repräsentierte an diesem Abend den "Normalfall". Das Kriegsende erlebte sie als junge Lehrerin in Hamburg mit einem dumpfen Gefühl der Erleichterung und dem Gedanken: "Hoffentlich lebt Helmut noch." Viel weiter habe sie damals nicht gedacht, beschied sie ihre junge Interviewerin, die Hamburgerin Katharina Trebitsch. Und die Stunde Null? "Die Hauptsache war der Gedanke, am Leben zu bleiben und weiterzumachen." Mit ihrer Berufstätigkeit finanzierte sie ihrem Mann Helmut das Studium: "Die Bundesrepublik dankt Ihnen für diese Investition", bemerkte Alfons Pawelczyk, der Hamburger Bundessenator in Bonn, artig. Der Abend war seine Idee gewesen.

Wie hat Ida Ehre ihr Schicksal überstanden? Wie verschmerzte sie die zwölf gestohlenen Jahre? Ihr Achselzucken war ausdrucksvoller als ihre Erklärung: "Auch aus Negativem kann Kraft entstehen." Gelobt sei, was hart macht? Nach dem 8. Mai 1945 war für sie die Hauptsache: wieder Theater zu spielen. Sie war es, die Wolfgang Borchert entdeckte und sein Stück "Draußen vor der Tür" auf die Bühne brachte. Vorher mußte sie ihm erst Mut machen, sein Stück zu schreiben: "Er war krank, schüchtern und glaubte nicht an sich." In einer ihrer ersten Premieren entdeckte sie Veit Harlan unter den Zuschauern. Sie war erstaunt über "die Geschmack- und Taktlosigkeit dieses Herrn", aber sie warf ihn nicht hinaus. Bei der nächsten Premiere saß er wieder da. Sie faßte sich ein Herz, ging zu ihm hin und sagte höflich: "Vor einem Jahr hätten Sie noch einen Bogen um mich gemacht oder mich angespuckt. Wie wäre es, wenn Sie mein Theater nicht mehr betreten?"

Auch Loki Schmidt gelang es manchmal, ins Theater zu gehen – vorausgesetzt, sie mußte nicht gerade Geld verdienen und fand noch ein Verkehrsmittel, das sie in die Stadt und wieder zurück brachte. Natürlich ging sie zu Ida Ehre: "Was sie uns geschenkt hat, war neu. Wir waren ja von der nationalen Literatur abgeschnitten gewesen und saugten uns bei ihr voll wie die Schwämme." Hat sie sich dann betrogen gefühlt? "Betrogen will ich nicht sagen. Es war mein Leben."

Elsbeth Weichmann hatte 15 Jahre in der Emigration gelebt, bevor sie wieder nach Deutschland zurückkehrte. Was war das für ein Land, in das sie zurückkam? Ihre Erinnerungen gaben dem Abend die dritte Dimension. "Ihr müßt euch vorstellen", sagte sie mit ihrer tiefen rauhen Stimme, "daß wir Emigranten ja auch anders geworden waren." Die Weichmanns hatten auf ihrer Odyssee viele Länder kennengelernt und sich mit Mühe durchgeschlagen. Als sie Hamburg wiedersahen, erlebten sie ein Deutschland, "das im Zusammenbruch steckengeblieben war. Wir dagegen konnten schon die Perspektiven sehen."

Was antworten die drei auf den Vorwurf: Ihr habt ja nur aufgebaut? Elsbeth Weichmann rückt zurecnt: "Wir suchten damals nur Menschen, die was konnten. Davon gab es nicht viele. Die meisten waren müde vom Aufbau des Deutschen Reiches und glaubten nicht an was Neues." Wo hätte sie, rückblickend, die Weichen anders gestellt? "Ich glaube nicht, daß wir die Weichen hätten anders stellen können. Wir hatten ein total verstörtes Volk vor uns, das unter Schock stand." Loki Schmidt widersprach. Sie hat das nicht als Schock empfunden, nur: "Im Kopf war nicht viel Klarheit." – "Ja, Loki," meinte Elsbeth Weichmann begütigend, "ihr wart völlig perspektivlos."

Mit weniger Effekthascherei, mit größerer Aufrichtigkeit ist jener Jahre in diesen erinnerungssüchtigen Monaten selten gedacht worden.

Nina Grunenberg