Anhörung in Bonn: eine bedrückende Deutschstunde

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

Ginge es nach der Vielzahl der Vertreter, müßte die Hilfe eigentlich perfekt sein. Abgesandte von 20 Organisationen, von der Arbeiterwohlfahrt über das Rote Kreuz und die Caritas bis zum Bund der Mitteldeutschen oder der Flüchtlingsstarthilfe, waren bei der öffentlichen Anhörung zur Stelle, in der sich der Bundestagsausschuß für innerdeutsche Beziehungen in der letzten Woche mit der "Situation der Ubersiedler aus der DDR" beschäftigt hat. Auch den jüngsten Untersuchungen nach dürfte es den Landsleuten aus dem anderen Teil Deutschlands, die zumal im vergangenen Jahr in so überraschend großer Zahl kommen konnten, nicht schlecht gehen. Schon zwölf Monate nach ihrer Ausreise stehen sie, wie Kristina Pratsch und Volker Ronge von der Wuppertaler Universität ermittelt haben, zum Beispiel beim Besitz von Farbfernsehern, Telephon und Autos den Bundesbürgern nicht nach.

Bei genauerem Zuhören stellte sich indes heraus, daß es noch viele und oft unnötige Probleme für die DDR-Übersiedler gibt. Zwar ist die Hilfsbereitschaft unbestritten groß, aber auch die Widrigkeiten und Ärgernisse sind beträchtlich. Das gut für das umständliche und zuweilen inquisitorische Aufnahmeverfahren wie für bürokratische Schwerfälligkeiten und mangelnde Sachkenntnis, für die verwirrende Vielfalt von Hilfsorganisationen und Staatsbehörden, die nicht selten nebeneinander herarbeiten, wie für die Schamlosigkeit, mit der manche Wohnungsbaugesellschaften die Zwangslage von Übersiedlern ausnutzen.

Der innerdeutsche Ausschuß wird diesen Problemen, wo immer es in seiner Macht steht, zu Leibe rücken, sei es durch Einwirkung auf die Zuständigen, sei es durch Gesetzesinitiativen. In einem entscheidenden Punkt allerdings werden, das hat sich auch in der Anhörung deutlich gezeigt, alle offiziellen Anstrengungen wenig ausrichten können: bei der sozialen Integration der übergesiedelten DDR-Bürger.

Trotz der prekären Lage auf dem Arbeitsmarkt und mancher Vermittlungsprobleme, die mit unterschiedlichen Berufsbildern oder Unvertrautheit mit der moderneren westlichen Arbeitswelt zu tun haben, findet die Mehrzahl der Übersiedler ziemlich rasch Lohn und Brot. Ihre Arbeitsmotivation und Mobilität sind, kein Wunder, hoch; ihre Qualifikation ist, bei allen Unterschieden im einzelnen, solide, oft sogar hervorragend. Hinzu kommt, daß die meisten Übersiedler zu den jüngeren Jahrgängen zählen. So verhält es sich jedenfalls bei der Mehrheit jener rund 30 000 Landsleute, die im Frühjahr 1984 wie auf einen Schwung in die Bundesrepublik ausreisen konnten.